Wovon ich rede, wenn ich von Wildnis rede

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass ein Sonderhäuser mit seiner Tochter vor der Haustür im Possenwald spazieren ging und sich ärgerte. Der schöne alte Buchenwald war von Harvestern in der besten Märzenbecher-Blütenzeit zerfahren, die breiten Wege im Wald tief durchfurcht von großen Holzerntemaschinen. Seine Tochter, so schildert er es heute, habe ihm gesagt, dass „sich aufregen“ auch nichts bringe. Sondern „man muss was tun“. Er gründete eine Bürgerinititiative, startete Petitionen, sammelte Unterschriften bei Wind und Wetter und stand auch eines Tages vor mir im Umweltministerium.

Jedes Bundesland, auch Thüringen, hat sich verpflichtet, 5 Prozent seiner Waldflächen aus der Nutzung zu nehmen, um mehr zu tun für biologische Vielfalt, Klima- und Hochwasserschutz, für Bildung und Forschung und in Verantwortung für kommende Generationen. Nachdem der Bund die Strategie für biologische Vielfalt verabschiedet hat, sind nun die Länder am Zug. Das bedeutet in jedem einzelnen Bundesland Zielkonflikte. Welche Flächen sind wo geeignet? Bis wann sind diese in Prozessschutz überführt und welche wertvollen beispielsweise Buchenbestände werden dafür nicht wirtschaftlich genutzt. Natürlich ist der Wert von Natur nicht aufzuwiegen und selbstverständlich ist der Staatsforst vor allem dem Gemeinwohl verpflichtet. Nichtsdestotrotz ist die Umsetzung des Wildnisziels konkret und hat auch in unserem 2-Millionen-Einwohner*innenland zu sehr emotionalen Debatten, Demos mit Trillerpfeifen und vielen spannungsvollen Begegnungen geführt. Auch die Umsetzung dieses Ziels ist konkret. In diesem Lichte der letzten Monate hat der Satz von Jon Krakauer aus „In die Wildnis“: „Die Wildnis ist jedoch unerbittlich und schert sich nicht um Wünsche und Sehnsüchte“ noch mal ganz neue Bedeutung gewonnen. Ich habe mich jeder Demo gestellt und die Fragen der Waldbesitzer, der Sägewerker, Förster usw. beantwortet…

Was zählt ist das Ergebnis. Es geht eben nicht um Wildnisentwicklung unter der Käseglocke, sondern zum Anfassen und das wird jetzt kommen. Gerade im Norden Thüringens, am Possen, wo die Bürgerinitiative sich gegründet und an uns gewandt hat mit der Bitte „Lasst uns den Wald für kommende Generationen“. Auf 26000 Hektar wird insgesamt in Thüringen die Säge ruhen und werden wir Natur Natur sein lassen. Dazu gehören neben dem bekannten Nationalpark Hainich, die Hohe Schrecke, Flächen im Schweinaer Grund, um Eisenach und ebenso in der Rhön. Es zählen punkthafte Flächen ebenso dazu wie große Areale, zum Beispiel die 1000 Hektar am Possen.

Der amerikanische Naturphilosoph Henry David Toreau schrieb vor 200 Jahren in seiner kargen Waldhütte: „Ich ging in die Wälder, denn wohlüberlegt leben wollte ich. Intensiv leben wollte ich.“ Zugegeben, Thoraeu soll Zeit seines Lebens ein kauziger Typ gewesen sein. Aber der Traum, die Zivilisation aufzugeben, um ein freies und unabhängiges Leben in der Natur zu führen, steckt bis heute in jedem von uns. Es ist die Sehnsucht nach unberührter Natur beim Waldspaziergang oder beim Wanderurlaub. Es ist die Sehnsucht, die uns in Ausstellungen wie die des Künstlers und Förstersohns Georg Thumbach mit großflächigen Wandbildern unter dem Motto „Ab ins Holz“ treiben. Und es ist der Traum vieler, die sich in die Shows des Abenteurers Mario Goldstein in vielen Orten der Bundesrepublik zur Wildnis setzen und bei Terra X die Einschaltquoten hochtreiben, wenn der Wildnisexperte Andreas Kieling seine Geschichten aus nahezu menschenunberührter Umgebung mit Wildtieren erzählt.

Letzterer war mit vielen von uns gemeinsam in diesem Sommer wandern. Die andere Wildnis ist nämlich die direkt vor unserer Haustür. Die Stadt Jena hat sogar 10 Prozent ihrer Stadtforstflächen aus der Nutzung genommen. Beides ist möglich: Holzernte für wirtschaftliche Zwecke und der Schutz besonderer Areale im ganzen Land. Und die werden wir jetzt für kommende Generationen entwickeln. In dem wir sie einfach sich selbst überlassen.

Die Region im Norden Thüringens jetzt auch touristisch aufzuwerten, eine NATURA 2000 Station und Umweltbildung aufzubauen, das sind die nächsten Schritte. Das geht nur gemeinsam. Der politische Kompromiss, an dem viele mitgewirkt haben, und die Flächenzonierung sind das eine. Das gemeinsame Berücksichtigen gegenseitiger Interessen, das wieder aufeinander-zugehen in der Region und das Werben um Verständnis der jeweiligen Positionen, sind das andere. Danke allen, die daran mitgewirkt haben und jetzt weiter machen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gemeinsam gelingt.

Abgehängt wird nur, wer sich abhängen lässt…

Gestern in Jena Paradies. Auf Gleis 1 am Bahnhof hielt der vorerst letzte ICE aus Richtung Berlin 20:51 Uhr, Reisende stiegen ein und aus, um dann weiter nach München zu fahren. Auf Gleis 2 wiederum hielt vorerst der letzte ICE in Jena aus Richtung München kommend um 21:06 Uhr. Abschied. Reisende trafen auf Ortsansässige, Tempo auf Langsamkeit. Vier Roccos auf Kamerateams.

Letzt genannter ICE war nicht pünktlich und der Abpfiff ertönte später, als geplant, aber BahnfahrerInnen und jene, die dem letzten ICE Lebe-wohl singen wollten, sind geduldig. Und so versammelten sich auf dem Bahnhof Jena Paradies viele, die seit Jahren kämpfen für die bleibende Anbindung des Raumes Ostthüringen, UnternehmerInnen ebenso, wie WissenschaftlerInnen und Engagierte des Fahrgastverbandes Pro-Bahn und viele Roccos (dazu später mehr), die das Land bewegen und kreativ demonstrieren wollen unter dem Motto: „Abgehängt wird nur, wer sich abhängen lässt.“

In dieser Nacht änderte sich auch bundesweit ein Drittel der Fahrpläne der im Eisenbahnnetz verkehrenden Fernzüge. Diese Fahrplanänderung war so umfangreich wie noch nie und nötig geworden, weil ein anderer Superlativ ans Netz ging. Nach 25 Jahren ist die VDE 8., also die Rennstrecke München – Berlin über Erfurt, fertig geworden. Zehn Milliarden Euro wurden verbaut, das entspricht dem kompletten Landesetat des Landes Thüringen für ein Jahr. Die 623 Kilometer (über Halle) können Bahnfahrende nun in knapp 4 statt 6 Stunden im ICE mit 300 Kilometer/Stunde hinter sich bringen. Fast wie im Flug. Ein Prestigeprojekt, über das die Bahn die Anbindung in die Fläche vernachlässigte und das, wo nachhaltige Mobilität immer wichtiger ist.

Es gibt eben nicht nur Gewinner an der Rennstrecke, sondern auch Verlierer, zum Beispiel Lichtenfels, Weißenfels, Jena, Weimar und Naumburg. Auf einen Schlag fällt hier nun ein Großteil des Fernverkehrs weg, ist man „abgehängt“. Dagegen, dass gerade in der Wissenschaftsstadt Jena, mit über 25000 Studierenden und Wissenschaftlern die Erreichbarkeit mit banalen Expresslinien genügen soll, wird und will sich hier keiner gewöhnen. Deshalb ist klar: So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.

Deshalb gelten die Verabredungen des Bahngipfels, den die rot-rot-grüne Landesregierung initiiert hat. Sie müssen jetzt zügig umgesetzt werden. Dazu zählen:

  1. Ab 2023 rollen wieder IC-Züge im 2-Stunden-Takt auf der Nord-Süd-Verbindung durch das Saaletal über Jena.
  2. Jena wird zum IC-Knoten, auf dem sich Fernzüge kreuzen. Dazu braucht es die städtebaulichen Vorraussetzungen und eine Diskussion aus der Stadt heraus, wo und wie ein bestehender Bahnhof ertüchtigt oder neu gebaut werden kann, um die Knotenfunktion zu erfüllen. Hier bedarf es auch einer Anbindung des Nahverkehrs.
  3. Bis es so weit ist, benötigen wir ein Übergangsangebot und das wird auch kommen. Ab Fahrplanwechsel 2018 rollen zusätzliche Züge im 2-Stunden-Takt zwischen Saalfeld, Jena und Leipzig, die das Land zusätzlich auf eigene Kosten bestellt.
  4. Der Ausbau der Mitte-Deutschland-Bahn muss endlich kommen. Wir brauchen die flächendeckende Anbindung Ostthüringens, also auch Geras u.a. Seit 20 Jahren wird über den zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung der am stärksten frequentiertesten Pendlerstrecke in Thüringen geredet und geredet und geredet. Jetzt soll sie kommen. Sie muss kommen. Dann ist die schnelle Anbindung nach Erfurt im S-Bahn-Takt auch machbar und die Turbo-ICEs erreichbar.
  5. Insgesamt investiert das Land bis 2023 34 Millionen Euro, um bauliche Voraussetzungen zu schaffen und zusätzliche Züge zu bestellen, damit die Ostthüringer Region erreichbar ist und damit auch die Fläche bedient werden kann.

Die Stärke der Region ist es, dass sie kreativ protestiert und konstruktiv nach Lösungen sucht. Dass das „Bewegte Land“, also eine Kunstinstallation auf 30 Kilometern „Bühne“ auf der Strecke Jena-Naumburg bundesweit so viel Beachtung fand, ist ein Beispiel dafür. Im Sommer rannte so der schnellste Mann des Saaletals, Rocco, in zigfacher Ausführung mit dem Zug um die Wette. Die Idee: Hase und Igel-Spiel und Gedanken in einer bewegten Zeit, in der Geschwindigkeit alles ist. So wird Kunst zum Ausdruck einer not-gewordenen Pause von der Geschwindigkeit, bis wir 2023 wieder mithalten können. Das „Bewegte Land“ wagte den Versuch, der Geschwindigkeit zu trotzen. „Entlang der Zugstrecke Jena Paradies – Naumburg inszenierte das Berliner Künstlerduo Datenstrudel Begegnungen. Reisende trafen auf Ortsansässige, Tempo auf Langsamkeit, Urbanität auf Landidylle.“ Neugierig? Das ‚Making-Of“ zum Bewegten Land gibt es hier.

Fürs Making-Of des IC-Knotens müssen jetzt Stadt, Land, DB und Pro-Bahn Material sammeln. Gemeinsam. Ab jetzt.