„Es liegt Großes in der Jenaer Natur“, TLZ-Artikel

Bloß nicht auf halber Strecke stehen bleiben! Mit diesem Gedanken schauen die Jenaer Bündnisgrünen auf den am Mittwoch dem Stadtrat vorliegenden Beschlussantrag zur künftigen „Naturerlebnisregion Mittleres Saaletal“ samt Naturerlebniszentrum Schottplatz. Vor allem dringen die Grünen darauf, das zugehörige Gesamtkonzept nicht laut Beschlusstext des Oberbürgermeisters bis Ende 2021, sondern schon bis Ende 2020 fertigstellen zu lassen, wie die Fraktionsmitglieder Anja Siegesmund und Ralf Kleist dieser Zeitung sagten.

Ja, es gebe dieses Herzstück des künftigen Naturerlebniszentrums – das zu sanierende Hauptgebäude mit neuer Energiezentrale, wofür Anja Siegesmund als Thüringer Umweltministerin den Zufluss von knapp zwei Millionen Euro Fördermitteln unterstützt hatte, Geld, das bis Ende 2021 gemäß Förder-Vorschrift ausgegeben sein muss. Und ja, die Ministerin erinnert sich nur zu gut, wie sie als Moderatorin den ewigen juristischen Streit um die so genannte Altlastenfreistellung vor drei Jahren beilegen half, so dass eine ehemalige Deponie auf dem Schottplatz-Gelände von der Firma Schott an die Stadt übergehen konnte. Doch wem sei groß geholfen, wenn die Stadtforstverwaltung wie geplant von der Kernstadt (Vor dem Neutor/Rasenmühleninsel) in das sanierte Haupthaus eingezogen ist, aber konzeptionell noch nichts zu greifen ist?

„Der gute Prozess, den wir angefangen haben, darf nicht unterbrochen werden“, sagte Ralf Kleist, womit er die sechs Arbeitsgruppen meint, die zu speziellen Themen eines Naturerlebniszentrums Konzeptarbeit betrieben haben. Und weil es auch dabei um Geld gehen wird: Die Grünen wollen in ihrem Änderungsantrag zum Beschluss verankert sehen, dass für die Themen-Ideen Ausschau nach Co-Finanzierungen etwa von Stiftungen gehalten wird. – Und dass die Verwaltung Trägervereine gewinnen möge, die Einzelprojekte aufbauen, finanzieren und betreiben. Beispiel: Der Kreisverein der Lebenshilfe kümmert sich um einen Bauernhof. Genau derartige Konstrukte könnten die Kosten des Gesamtpakets reduzieren, erläuterte Ralf Kleist.

„Wo Naturerlebniszentrum draufsteht, soll auch Naturerlebniszentrum drin sein“, sagte Anja Siegesmund. „Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass die Partner bei der Stange bleiben.“ Deshalb möchten die Grünen konzeptionell sichern, dass abseits der Bauarbeiten vom nöchsten Frühjahr an Umweltpädagogik angeboten wird. Zudem sind im grünen Änderungsantrag ein Kuratorium, das die Konzept-Arbeit bündelt und begleitet, wie auch ein weiterer Partner der Umweltbildung vorgesehen. „Am Ende wird die Sache nur rund, wenn alle an einem Strang ziehen.“

von Thomas Stridde, TLZ, 14.07.2020

Rassismus entschieden entgegentreten. Jederzeit und überall! Die Studentin Sinbi Lee wünscht sich mehr Unterstützung

Jena ist eine weltoffene Stadt – aber gerade Menschen wie Sinbi Lee erfahren zu oft beim Einkaufen, im Bus oder im Café, dass auch wir ein reales Problem mit Rassismus haben. Lee ist eine starke Frau, die anderen Mut machen möchte. Lange war sie unsicher, ob das, was ihr wiederfährt “nur dumme Sprüche” sind. Andere haben ihr gesagt, sie gehöre nicht zu den People of Colour und könne gar keinen “echten Rassismus” erleben. Sorry, aber was soll bitte echter oder falscher Rassismus sein? Sinbi Lee sagt, dass es für sie ein langer Prozess war, um zu erkennen, dass Rassismus nicht erst bei körperlicher Gewalt anfängt. Und das zu rassistischen Äußerungen auch die gehören, die “gar nicht so gemeint waren.” Jede Woche erlebt sie, die in Apolda und Weimar aufgewachsen ist und nun in Jena studiert, verbale Angriffe, immer wieder wird sie auch körperlich angegangen. Seit Corona haben sich die Anfeindungen verstärkt.

Es ist ein Lernprozess für uns alle, dass wir sensibel für unsere eigenen, vielleicht auch unbedachten Äußerungen werden. Und, dass wir strukturellen Rassismus als Problem wahrnehmen, das uns alle geht.

An alle da draußen: hört nicht auf die Kommentare der Anderen, wichtig ist allein, wie ihr euch fühlt und was euer Herz euch sagt. Und es gibt Menschen, die helfen wollen und können. In Thüringen gibt es zum Beispiel die Opferberatung ezra oder MOBIT – Mobile Beratung in Thüringen. Wir Bündnisgrüne in Thüringen  setzen uns für eine Antidiskriminierungsstelle ein.

Vor allem aber ist es wichtig, dass wir im Alltag genau zuhören und hinsehen und uns gegenseitig unterstützen und Mut machen. Und dass wir Rassimus nicht relativieren, sondern klar benennen.

  1. Sinbi Lee hat ihre Geschichte übrigens auch dem MDR Thüringen erzählt:
    https://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/corona-rassismus-angriffe-asiaten-100.htmlRa

Offener Brief Jena „In Not geratenen Menschen jetzt helfen!“

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche,

sehr geehrte Mitglieder des Stadtrates,

sehr geehrte Landtagsabgeordnete,

sehr geehrte Bundestagsabgeordnete,

auch in Jena erreichen uns die Nachrichten von den katastrophalen Bedingungen für geflüchtete Menschen in den Lagern Griechenlands. Die EU-Staaten müssen sofort humanitäre Hilfe leisten und dürfen Griechenland nicht länger allein lassen. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, schnell zu helfen und das Elend nicht länger hinzunehmen. Dazu sind wir auch in Jena bereit. Bereits im August 2018 hat der Stadtrat sich zu „Offenheit und Humanität gegenüber in Not geratenen Menschen“ und im April 2019 zum „Sicheren Hafen“ bekannt – und genau darum muss es uns nun mit gemeinsamer Kraft gehen.

Uns ist bewusst, dass die Aufnahme geflüchteter Menschen nicht auf kommunaler Ebene entschieden wird. Dennoch können wir in der aktuellen Situation nicht gleichgültig abwarten, sondern wollen und müssen uns, wo wir können, für Humanität einsetzen! Die Verteidigung der Menschenrechte macht das Wertefundament unserer Gesellschaft aus.

Angesichts der aktuellen Ereignisse bekräftigen wir die Gültigkeit der o.g. Beschlüsse auch für Menschen, die auf dem Landweg fliehen. Wir fordern alle zivilgesellschaftlichen Kräfte, alle Stadträtinnen und Stadträte, alle Landtags- und Bundestagsabgeordneten und den Oberbürgermeister der Stadt Jena auf: tun Sie Ihr Möglichstes! Fordern wir gemeinsam Bund und Land  zum Handeln auf! Bekräftigen Sie angesichts der aktuellen humanitären Notsituation die Bereitschaft Jenas zur Aufnahme von Geflüchteten!  So sind beispielsweise Landesaufnahmeprogramme für unbegleitete Minderjährige aus Griechenland neben Thüringen in Berlin, Bremen und Hamburg in der Diskussion. So könnten Städte tatsächlich zu „sicheren Häfen“ werden.

In diesem Sinne erwarten wir von Ihnen, dass Sie sich an geeigneter Stelle dafür einsetzen, dass in unserer Stadt die zusätzliche Aufnahme von geflüchteten Menschen ermöglicht wird.

Dafür hat sich eine Mehrheit der Stadträtinnen und Stadträte ausgesprochen und dahinter steht eine breite Jenaer Zivilgesellschaft. Die Jenaer Bürgerinnen und Bürger zeigen bis heute mit ihrem Engagement, dass sie bereit sind, Menschen in Not aufzunehmen. Wir fordern Sie auf, die Hilfsbereitschaft der Stadt Jena gemeinsam nach außen zu vertreten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Margret Franz und Heiko Knopf, Fraktionsvorsitzende Stadtratsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen

Katja Glybowskaja, Stadträtin SPD-Fraktion

Anja Siegesmund, Thüringer Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz

Lena Saniye Güngör, Landtagsabgeordnete Die Linke

Ralf Kleist, Leiter Kreisdiakoniestelle

Kathleen Lützkendorf, Ortsteilbürgermeisterin Jena-Zentrum

Katja Funke-Schreinert, Bürgerin

Frank Albrecht, Vorsitzender AWO Regionalverband Mitte-West-Thüringen e.V.

Dr. Jörg Vogel, Stadtrat SPD-Fraktion

Sebastian Neuß, Superintendent Evangelisch-Lutherischer Kirchenkreis Jena

Rea Mauersberger, Vorsitzende Migrations- und Integrationsbeirat der Stadt Jena

Till Noack, Bürger

Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Klinikdirektor

Dr. Barbara Albrethsen-Keck, Vorsitzende Bürgerstiftung Jena

Tasso Carl, Vorstandsvorsitzender QuerWege e.V.

Dr. Matthias Quent, Direktor Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft

Johanna Bernstengel, Bürgerin

Dr. Beatrice Osdrowski, Koordinatorin Frauenzentrum Towanda Jena e.V.

Ilse Braunschweig und Luise Zimmermann, Arbeitskreis WeltRaum im Eine-Welt-Haus e.V.

Maik Prinz, Ortsteilbürgermeister Münchenroda/ Remdroda

Diethard Kamm, Pfarrer i.R.

Dr. Gudrun Lukin, Stadträtin Die Linke

Ivan Nizovtsev, Vorsitzender Eurowerkstatt Jena e.V.

Dr. Holger Becker, Ortsteilbürgermeister Jena-West

Julia Gerth, Vorstandsmitglied verdi.Jugend im Bezirk Thüringen

Dr. Dorothea Appenroth, Bürgerin

Anna Uslowa, Leiterin des Bereiches Sprachförderung und interkulturelle Bildung der Kindersprachbrücke Jena e.V.

Julia Schnabel, Stellvertretende Leiterin des Bereiches Sprachförderung und interkulturelle Bildung der Kindersprachbrücke Jena e.V.

Prof. Dr. Wolfgang Behlert, Bürger

Tina Rudolph, Stadträtin SPD-Fraktion

Dr. Christoph Vietze, Ortsteilbürgermeister Jena Nord

Dr. Constance Hartung, Studierendenpfarrerin

Prof. Dr. Hartmut Fritzsche, Universitätsprofessor i.R.

Wolfgang Volkmer, Stadtrat Bündnis 90/ Die Grünen

Henriette Jarke und Christine Schickert, Sprecherinnen Kreisverband Bündnis 90/ Die Grünen

Julia Langhammer, Felix Ihle, Nicole Grießbach und Dimitri Zelenin, Vorsitzende Die Linke Jena

Ditte Eppelin, Bürgerin

Thomas Eppelin, Bürger

Sabine Djimakong, Thüringer Flüchtlingspaten Syrien e.V.

Christiane Verena Pätz, Bürgerin

Isabell Welle, Stadträtin Bündnis 90/ Die Grünen

Lutz Liebscher, Landtagsabgeordneter SPD-Fraktion

Judith Wiedemann, Bereichsleitung Jugend, Migration und Interkulturelle Öffnung AWO Regionalverband Mitte-West-Thüringen e.V.

Anne Tahirovic, Koordinatorin Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft

Christoph Ellinghaus, Gewerkschaftssekretär Jena

Barbara Wrede, Bürgerin

Ralph Lenkert, Bundestagsabgeordneter Die Linke

Prof. Dr. Wolfgang Frindte, Professor i.R.

Dr. Joachim Hoffmann, Zahnarzt

Dr. Daniel Geschke, Bürger

Prof. Dr. Nicole Harth, Professorin

Hazhar Ameen, Fachdienst Migration und Integration Jena AWO Mitte-West-Thüringen e.V.

Barbara Siegel, Flüchtlingspatin

Christian Pätz, Bürger

Prof. Dr. Michael Opielka, Ernst-Abbe-Hochschule Jena

Katharina König-Preuss, Landtagsabgeordnete Die Linke

Prof. Dr. Sören Kliem, Professor Ernst Abbe Hochschule

Christiane Brendel, Frauenzentrum Towanda Jena e.V.

Heike Döbler, Frauenzentrum Towanda Jena e.V.

Dr. Janine Dieckmann, Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft

Franka Maubach, Vorstandsvorsitzende Thüringer Flüchtlingspaten Syrien e.V.

Antje Standau-Gröschner, Bürgerin

Karin Felsch, Einrichtungsleitung AWO Jugendzentrum Hugo

Prof. Dr. Diana Düring, Professorin

Torsten Wolf, Landtagsabgeordneter Die Linke

Friederike Costa, Pfarrerin

Felice Costa, Schülerin

Therese Costa, Schülerin

Janka Vogel, Bürgerin

Prof. Dr. Manuel Vogel, Professor

Jörg Auweiler, Bürger

Juliane Reulecke, Bürgerin

Christine Möller, Geschäftsführung Refugio Thüringen

Andrea Uecker, Refugio Thüringen

Carsten Wohlfahrt, Bürger

Lena Hippler, Bürgerin

Katharina Elsäßer, Bürgerin

Johannes Schleußner, Leiter Offene Kirche Jena

Heike Hebestreit, Projektmitarbeiterin Refugio Thüringen

Janny Guevara, Geschäftsführerin des Landesnetzwerkes der Migrantenorganisationen in Thüringen, MigraNetz Thüringen

Teresa Popp, Vorstand Iberoamérica e.V.

Dr. Sylke Zitzmann, Vorstand Iberoamérica e.V.

Schewangzaw Bekele, Integrationshelfer, AMAH, Ansole e.V.

Prof. Dr. Klaus Dörre, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Klaus Wegener, Musiker

 

Nach der Wahl in Thüringen – Blick zurück und nach vorn und Post von Jonas

Wieder hat Thüringen überrascht. Unser Bundesland, in dem dieses mal fast 65% der wahlberechtigten Thüringerinnen und Thüringer zur Wahl gingen und damit so viele wie nie seit 1994, hatte schon 2014 etwas Aussergewöhnliches gewählt. Plötzlich diskutierte man über etwas Neues: ein progressives Dreierbündnis aus Linke, SPD und Bündnis 90/Die Grünen. Das war ein Paukenschlag und das Bündnis hielt 5 Jahre. Das hat es noch nie gegeben. Dieses Mal ist es eine andere Situation. Keine, die Neues leicht möglich macht, sondern gegen den rechten Rand neu denken muss, damit überhaupt stabil regiert werden kann. 76,6% der Menschen machten für demokratische Parteien gegen die Höcke-AfD mobil, wählten Die Linke, CDU, SPD, FDP und uns und das in einem der unversöhnlichsten und härtesten Wahlkämpfe, die ich je erlebt habe. 

Im Vergleich zur letzten Landtagswahl 2014 haben wir als Bündnis 90/Die Grünen prozentual verloren, und die 5,2 % sind bitter. Absolut haben wir über 4.000 Stimmen dazu gewonnen, davon allein 1700 in Jena, aber auch in Erfurt, Weimar, im Eichsfeld und im Altenburger Land. Soll heißen: Grüne haben nicht pauschal auf dem Land verloren, sondern v.a. in stark schrumpfenden und peripheren Regionen. Und: Bei den Erststimmen haben wir  zwar um 15.000 Stimmen zugelegt. Ich freue mich über das beste Erst- und Zweitstimmenergebnis für Jena in Thüringen in diesem Wahlkampf. ABER: Alle Erststimmen hätten wir mit einer klareren Zweitstimmenkampagne verwandeln können, aus heutiger Sicht verwandeln müssen. Es wird zu diskutieren sein, warum die Menschen eher Personen ihre Stimme geben, als unserer Partei.

So unversöhnlich und rau im Ton der Wahlkampf war – nie haben sich mehr Bündnisgrüne landauf landab in einem Landtagswahlkapmf engagiert, sind mit klopfendem Herzen zu Podiumsdiskussionen gegangen, haben statt mit den Kindern Eis essen zu gehen, Plakate gehängt oder ihre Familie und Freunde zum Flyern durch die Straßen mitgenommen. Nie haben so viele für Kaffeetafeln mit Bundespromis Kuchen gebacken und sind mit ihren Freunden zu Townhalls gegangen. Und die Unterstützung von Parteifreund*innen aus allen Bundesländern, sogar jenen, die gerade gewählt hatten (Brandenburg und Sachsen), war einfach nur Spitze. Und nie hat meine Familie ganz persönlich so viel beigegeben. Riesendank!

Auch deshalb schmerzt unser Ergebnis. Wir nehmen es in Demut entgegen und müssen in den nächsten Tagen und Wochen in eine tiefe Fehleranalyse gehen. Und das ist auch nötig, denn aus der Koalition heraus sind wir nicht so durchgedrungen mit unseren zentralen Themen Klimaschutz und Demokratie, wie strategisch angelegt. Wir haben durch die Dynamik des horse race zwischen Bodo Ramelow und Mike Mohring zum Ende hin an Zuspruch verloren. 9000 Stimmen haben wir an den Koalitionspartner, der den aktuellen Ministerpräsidenten stellt, verloren, die SPD sogar 20000. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, wie wir in einem künftigen Bündnis unser Profil weiter schärfen und Kompetenzen ausbauen können, eine der zentralsten. Plus: Auch insgesamt hat es #r2g hat nicht geschafft, sein Wähler*innenlager auf deutlich mehr als 50% zu erweitern – daran müssen alle drei Partner arbeiten. 

Und wir haben in moderat und stark schrumpfenden Regionen – sowohl in ländlichen Raum als auch in den Städten – zu wenige Wählerinnen und Wähler mit unserer Regierungsarbeit, unseren Themen und Positionen überzeugen können. Für mich ist das auch deshalb bitter, weil wir in meinem Zuständigkeitsbereich als Energie- und Umweltministerin viele Kernprojekte im ländlichen Raum verwirklicht haben: Vom Grünen Band über die NATURA 2000-Stationen, dem Moderationsprozess für eine Biosphärenregion Südharz/ Kyffhäuser /Hohe Schrecke, der Ausweisung der Wald-Wildnisflächen im Kyffhäuserkreis oder der Beräumung großer Altlasten in Rositz oder Eisenach, das Anschließen von Brunnendörfern an Trinkwasser in Ostthüringen oder den Ausbau von Ladesäulen. Wir haben ein Klimagesetz verabschiedet, mit dem Wassergesetz sauberes Wasser als Ressource gesichert und es nicht vermocht mit unseren Kernthemen in die Breite der Gesellschaft, v.a. in den strukturschwächeren Regionen vorzudringen. Gleichsam ist es nicht gelungen, beim Thema „Migration“ irgend welche Kompetenzgewinne auszumachen.

Tatsache ist, dass die antidemokratische AfD enorm zugelegt und damit die Mehrheitsverhältnisse verschoben hat, obwohl sie in keinem der zur Wahl wichtigen Zukunftsfelder auch nur eine Antwort gab. Während ein Teil der Wähler*innen sie offenbar nach wie vor als Protestplattform ansieht, unterstützt ein anderer Teil ihrer Wähler/innen hier mittlerweile auch bewusst ein faschistisches Weltbild. Laut Forschungsgruppe Wahlen votierten 29 % der Wahler*innen für die AfD als „Denkzettel für andere Parteien“ und 69% „wegen ihrer politischen Forderungen“ (weitere Infos hierzu). Das ist nicht nur in Thüringen so, sondern zeigt sich grundsätzlich auch in anderen Bundesländern. Gerade nach dem Anschlag von Halle ist das beunruhigend. Und weil aus Gedanken Sprache wird und aus Sprache Taten, mussten wir in diese politische Auseinandersetzung offensiv gehen. Zu diskutieren ist, ob wir damit Die Linke mehr gestützt haben, als nötig.

Auch ist es insbesondere der CDU gelungen, negative Frames gegen uns Bündnisgrüne aufzubauen. Am Ende hat Mike Mohring nicht davon profitiert, Großflächen mit „Stoppt den Windkraftwahnsinn“ aufzustellen. Das Narrativ einer für die ThüringerInnen „belastenden Energiewende“ basierte zwar auf fake news, verfing aber. Das hat auf das Konto der AfD eingezahlt. Selbstkritisch müssen wir sagen, dass die knapp 70 neuen Windräder in Thüringen in meiner Regierungszeit auch angesichts der Dramatik der Klimakrise eigentlich die Erzählung gar nicht her gegeben hätten. Den Tenor der „Angst“, wie ihn die CDU gesetzt hat, konnten wir mit Sachargumenten für dezentrale und saubere Energie, Beteiligung der Bürger*innen mit unserem fairen Windsiegel und tausenden Jobs in dem Bereich, nicht auffangen. Auch meldeten sich „natürliche Verbündete“ wie Umweltverbände hierzu nicht zu Wort, was die Situation Aussage-gegen-Aussage verfestigte. Was bleibt ist eine CDU, die ihrer Bundespolitik in diesem wichtigen Thema diametral gegenüber steht und gesellschaftspolitisch eine verhärtete Situation, die wir gemeinsam mit Bündnispartnern auffangen und dialogisch versuchen müssen aufzulösen.

Wahlentscheidend waren letztlich gesellschaftliche Zukunftssorgen wie auch ostgeprägte Gefühlslagen 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution, sowie die Themen soziale Gerechtigkeit und Bildung. Hier haben wir bislang kaum Kompetenzen aufbauen können. Jenseits von Umwelt/Klima ist die Kompetenzzuschreibung für uns Bündnisgrüne bei Bildung / Gerechtigkeit oder Wirtschaft verheerend. Daran muss die künftige Landtagsfraktion arbeiten und einen starken Fokus auf eines dieser Themen legen. Und: Wir müssen aus der Stärke der Mandatsträger*Innen für uns in Kommunalparlamenten etwas machen. Hier ist so viel know-how, das ein wachsender Landesverband mit einer zugegeben kleinen aber schlagkräftigen Landtagsfraktion ausbauen kann.

Das Wahlergebnis gibt uns zu denken. Es gibt in Thüringen keine parlamentarischen Mehrheiten entlang bekannter Muster. Der menschenverachtenden AfD fehlt es an Loyalität zur parlamentarischen Demokratie. Gerade aber die Demokratie- und Freiheitsrechte sind das wichtigste Gut, das wir uns vor 30 Jahren mit der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland selbst erstritten haben. Wir Demokrat*Innen müssen zunächst gegen die Antidemokraten zusammenstehen, untereinander gesprächsfähig sein und Regierungsverantwortung übernehmen. Das ist der Auftrag der Wählerinnen und Wähler, die klar eine AfD-Regierungsbeteiligung ablehnen. 

Was jetzt ansteht, ist kompliziert. Wir werden auf Einladung der Linken in Gespräche über eine Minderheitsregierung gehen. Unsere Verfassung gibt uns Zeit und Raum zum Austausch, aber wir präferieren stabile Verhältnisse. Die pauschale Absage der FDP zu Gesprächen in eine stabile Regierung mit #r2g zu gehen, bevor Gespräche geführt wurden, halte ich für irritierend. Es ist jetzt unsere staatspolitische Verantwortung, alle Wege zu prüfen, auch wenn sie fern denkbarer Horizonte liegen. Im übrigen gilt das Gleiche für die CDU.

Wir als Grüne werden die Wahl gründlich analysieren. Wir werden weder in einer Regierung noch in der Opposition in den Kernthemen Klima- und Umweltschutz von unseren klaren, den realen Erfordernissen angemessenen Positionen abrücken. Im Gegenteil. Gerade der Klimaschutz ist eine lokale wie globale Herausforderung. Und dass der Klimaschutz auch in Thüringen die Breite der Gesellschaft erfasst, dafür stehe ich ein. Es gilt, die Verknüpfung von Klimaschutz und sozialer Frage deutlicher zu machen. Wir müssen die Chance und die Möglichkeiten haben, das Thema Klimaschutz als Grüne noch besser in Konzepte und Projekte für den ländlichen Raum (Agrarwende, Verkehrswende) umzusetzen. Und wir müssen uns inhaltlich in der Regierung verbreitern und neue Zielgruppen in den Fokus nehmen. 

Was mir Hoffnung macht: In der Altersgruppe von 18-24 Jahren haben wir ordentlich zugelegt, noch am Wahlsonntag hatten wir viele Eintritte und mich erreichen viele Emails und Nachrichten, die uns bestärken, darunter auch diese hier von Jonas: 

„…ich wohne in Mosbach (Wutha-Farnroda), einem kleinen Dorf im Westen unseres Bundeslandes. Ich haben den Wahlkampf der Grünen für die Landtagswahl aufmerksam verfolgt und ich stehe voll und ganz hinter ihren Ideen und Plänen für ein lebenswertes, umweltfreundliches und demokratisches Thüringen. Leider konnten die Grünen bei dieser Wahl nicht die Prozentzahlen erreichen, wie man es sich vielleicht erhofft hatte aber ich bitte sie darum, dass sie dennoch weiter so stark und zielstrebig für Umweltschutz und vor allem auch gegen die rechten Parteien wie z.b. die AfD mit ganzer Kraft kämpfen. Ich habe nach dieser Wahl mehr Angst als je zuvor, vor einer rechtsradikalen Wende. (…) Bitte führen sie ihre zielstrebige und grüne Demokratie weiterhin kämpferisch fort, denn in diesen Zeiten in denen von rechtsextremen Parteien immer mehr Druck kommt, müssen wir an unserer wertvollen Demokratie festhalten und alles dafür geben, um sie zu verteidigen. (…)“

Jonas, das machen wir!

Frauenlauf in Jena

Anja Siegesmund läuft für ihr Leben gerne. Den 4. Frauenlauf Jena im Jenaer Paradies unterstützte sie als Schirmfrau.

Jena ruft als erste Stadt Thüringens den Klimanotstand aus

Siegesmund: „In Thüringen ist Klimaschutz Gesetz. In Jena ist Klimaschutz jetzt handlungsleitend für jede politische Entscheidung“

Auf der gestrigen Stadtratssitzung in Jena wurde der Antrag der bündnisgrünen Stadtratsfraktion mit Mehrheit angenommen, den Klimanotstand für die Stadt auszurufen. Dazu erklärt Anja Siegesmund, Spitzenkandidatin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen und Stadträtin in Jena:

„Unser kraftvoller Aufschlag, das Thema Klimaschutz in den Mittelpunkt politischer Entscheidungen zu rücken, hat sich gelohnt. Jena hat nun als erste Stadt in Thüringen den Klimanotstand beschlossen. Künftig werden alle politischen Entscheidungen an der Klimafrage gemessen werden. Politik und Bevölkerung bündeln ihre Kräfte für gemeinsame und entschlossene Anstrengungen zum Klimaschutz. Das betrifft die Verwaltung: Wer ein Stadtquartier neu entwickelt, muss es unter der Maßgabe von Stadthitze oder Starkregen planen. Dazu gehört der Blick auf Stadtbäume als wertvolle Schattenspender ebenso, wie das Begrünen von Stadtdächern. Hierfür gibt es Förderprogramme des Landes, die jede Kommune nutzen kann. Das betrifft die Nahverkehrsbetriebe, wenn es um künftige Mobilitätskonzepte geht. Aachen, Bielefeld, Bochum, Bonn, Düsseldorf, Erlangen, Gelsenkirchen, Greifswald, Heidelberg, Kiel, Köln, Konstanz, Lübeck, Marburg, Münster, Saarbrücken und Wiesbaden und nun Jena. Das ist Klimaschutz auf allen Ebenen. Auch für die Aktiven von Fridays for Future ist diese hart errungene Entscheidung im Stadtrat ein großer Erfolg. Zukunftspolitik braucht auch diese starken Stimmen.“

Zu den Anträgen:
https://gruene-jena.de/userspace/TH/kv_jena/Stadtrat/2019/04.09.2019/Antrag_Klimanotstand.pdf
https://gruene-jena.de/userspace/TH/kv_jena/Stadtrat/2019/04.09.2019/Beschlussvorlage_Stadtrat_Fraktionen_-2_Klimakrise.pdf