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COP23 – Tag 3 – Endspurt in Bonn

Am vorletzten Tag der Weltklimakonferenz in Bonn stimmen die Zwischenergebnisse aus den Arbeitsgruppen optimistisch, dass die selbst gesteckten Ziele erreicht werden können. Bis zu 200 Tagesordnungspunkte werden parallel verhandelt, insbesondere die Themenfelder Landwirtschaft, Mobilität und Energiewirtschaft sind in diesen multilateralen Gesprächsrunden dicke Bretter, die zu bohren sind. Das Untersetzen der Ziele mit Maßnahmen ist im Bundesländer-Kontext schon unglaublich schwierig. Das haben wir in unseren Thüringer Debatten zur Klimastrategie, die jetzt erfreulicherweise nach einem breiten Beteiligungsprozess nahezu abgeschlossen ist, lebhaft erfahren. Ähnliches läuft gerade bei den Debatten zur Koalitionsfindung in Berlin. Aber hier, mit 196 Parteien, die verhandeln mit einem Ländermandat, ist das umso schwieriger. Umso erfreulicher ist es, von wegweisenden Allianzen zu hören, die sich an die Spitze der Bewegung stellen. Zum Mittag hin verkünden überraschend 18 Staaten, dass sie gemeinsam den Kohleausstieg auf den Weg bringen wollen. Darunter sind Kanada und Großbritannien, deren Umweltministerinnen Catherine McKenna und Claire Perry weitere 16 Länder zu einem Ausstieg bewegen konnten. Allerdings kann ich die Euphorie nur teilweise nachvollziehen, die daraufhin hier herrscht. Beide betonen öffentlich, dass sie in den nächsten 30 Jahren an der „sauberen Atomkraft“ fest halten wollen. Genau diese lebensgefährlichen Manöver wollen wir nicht.

Das ist im Übrigen auch nicht nötig. Gerade toppt eine Studie zu den Voraussetzungen für den Kohleausstieg in der Bundesrepublik die andere. Die Aktuellste vom Umweltbundesamt (UBA) empfiehlt die unverzügliche Stilllegung von Stein- und Kohlekraftwerken, die älter als 20 Jahre sind. Nur so könne man das selbst gesteckte Klimaziel, wonach wir bis 2020 noch mal 750 Mill. Tonnen CO2 sparen müssen, erreichen. Die Versorgungssicherheit wäre freilich gegeben. Ähnlich äußert sich eine breite Allianz aus BDEW, DIW und AEE. Spätestens nächstes Jahr in Kattowitz muss die Bundesrepublik in dieser Allianz Vorreiter werden.
Dicke Bretter bohren ja nicht nur wir. Am Vormittag hatte ich Gelegenheit mit meinem neuseeländischen Kollegen James Shaw zu sprechen. Er ist Minister für den Klimawandel in Neuseeland. Auch Neuseeland will bis 2050 komplett emissionsfrei produzieren und sich mit Erneuerbaren versorgen. Derzeit sind es 40 Prozent im Strombereich, wobei der Großteil aus Geothermie und Wasserkraft stammt. Neuseeland hat unter anderem ein funktionierendes Emissionshandelssystem eingeführt, dessen beteiligte Unternehmen ungefähr für die Hälfte der Wirtschaftsleistung stehen.

Hier wie da erwartet die Industrie, dass die Energiewende und ein entschlossener Klimaschutz die Wirtschaft nicht schwächen, sondern stärken. Laut der gerade veröffentlichten Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) kann die Einhaltung der internationalen und deutschen Klimaschutzziele in allen gerechneten Szenarien für ein höheres Bruttoinlandsprodukt sorgen. Im Jahr 2050 werde die Wirtschaftsleistung dann im Vergleich zu einem Referenzszenario ohne ambitionierten Klimaschutz um 0,4 bis 0,9 Prozent höher liegen. Bis dahin sollen die Treibhausgasemissionen um 80 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Bei einer Absenkung um 95 Prozent liege das BIP ebenfalls um 0,9 Prozent höher, sofern global Klimaschutz betrieben wird. Ich treffe morgen Wirtschaftsvertreter aus Thüringen und bin auf ihre Einschätzung dazu schon jetzt gespannt. Morgen endet die COP23. Bislang stehen die Zeichen auf Grün für ein gutes Verhandlungsergebnis.

COP23 – Tag 2 – Über verpasste Chancen, trotzige Auftritte und mutige Zwischentöne

Der graue Novemberhimmel hängt an diesem wichtigen Verhandlungstag tief über Bonn. Alle TeilnehmerInnen wissen, dass es heute auf die Zielgerade geht und die Positionierungen insbesondere von Kanzlerin Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron für die letzten beiden Verhandlungstage erheblich sein werden.

Insgesamt haftet der Weltklimakonferenz in Bonn der Charakter eines ‚Seed Summit‘ an, also als Gipfel der Aussaat. Hier soll der Kern für spätere Erfolge gesät werden, der nach Paris in einem schließlich 20 Jahre währenden Prozess wachsen und gedeihen soll. Richtlinien und allgemein akzeptierte Regelwerke sind zu erarbeiten, die Finanzierung nach dem de-facto-Ausstieg der USA sicher zu stellen und konkrete Beiträge zu verabreden, damit sich die Emmissionen nicht weiter erhöhen.

Und das tun sie. Allein China hat seit 1990 seinen CO2 Ausstoss um 353 Prozent auf über 10000 Millionen Tonnen jährlich erhöht, Indien um knapp 300 Prozent auf immerhin 2500 Millionen Tonnen CO2 jährlich und das vergleichsweise kleine Saudi Arabien um 200 Prozent auf 517 Millionen Tonnen jährlich. Europa, die USA und auch Russland haben im Vergleich zum Kyoto-Protokoll Basis-Jahr ihre Emmissionen halten oder gar senken können. Aber es reicht bei weitem noch nicht, um die 1,5 Grad, die in Paris verabredet wurden, einzuhalten.

Und so ist es wohl alles andere als Zufall, als zum mit Spannung erwarteten High-Level-Segment am Nachmittag der amtierende Premierminister der Fidschi-Inseln und Gastgeber der Konferenz einen Jungen aus seinem Land, den pazifischen Inseln, von Stürmen, desaströsen Ernteausfällen, dem Ansteigen des Meersspiegels und Erwartungen der kommenden Generation an die Entscheider eindringlich reden lässt. „It’s time to take Action. Now“, ruft der Junge den Delegierten aus 196 Ländern immer wieder zu.

Und dann kommt sie, die Gelegenheit der Kanzlerin den seit 4 Wochen andauernden zähen Verhandlungsprozess um Jamaika unter den Augen internationaler Zeugen zum eigenen Befreiungsschlag zu machen und sich klar zu positionieren, wie eigentlich die Bundesrepublik bis 2020 40 Prozent CO2 im Vergleich zum Basisjahr 1990 einsparen will. Schnell wird klar, sie kommt mit leeren Händen. Ja, sie findet zwar warme Worte, zur „Schicksalsfrage Klimawandel“, illustriert, wie „mühsam gemeinsame Verabredungen im eigenen Land zum Klimaschutz sind“ angesichts der Diskussion um Arbeitsplätze und Wirtschaftlichkeit. Just am gleichen Morgen hatte der Tagesspiegel eine Studie des BDI gelaeked, in der der Zusammenhang zwischen Investitionen in Klimaschutz und einem steigenden Wirtschaftswachstum wissenschaftlich dargelegt wird. Kein Wort dazu in der Rede. Oder zur erneuten Einschätzung der Agentur für Erneuerbare Energien, wonach das Abschalten von 20 Kohlekraftwerken das Netz deutlich entlasten würde. Es ist eine verpasste Chance sondergleichen.

Und der französische Präsident Emmanuel Macron erkennt das sofort. Sein Auftritt im Anschluss an Merkel macht ihn zum Klimamanager Europas. Er hat eine Vier-Punkte-Agenda im Gepäck, lädt die Europäer zu einem Zwischengipfel am 12.12. nach Paris ein, um über weitere Schritte zu sprechen und geht die USA frontal an.

Überhaupt, die USA. Wenn man durch die „Bonn-Zone“ streift, wo die Länder ihre Stände und Pavillons aufgebaut haben und zu Veranstaltungen einladen, sucht man die USA vergeblich. Aber am anderen Ende des Geländes, direkt vor der Verhandlerzone ragen weiße Zelte mit großen Aufdrucken „Americas pledge. #wearestillin“ auf. Dort präsentieren sich Unternehmen, Universitäten und Bundesstaaten der USA und bekennen sich zum Paris-Abkommen. Die Gespräche in der Trutzburg zeigen, dass die Regionen und Akteure unterhalb der staatlichen Ebene immer wichtiger werden. Das erfahren wir auch in anderen Gesprächen mit NGOs. Klimaschutz voran zu treiben durch Bewegungen von unten, sei das nun ein Abkommen wie #Under2MOU, dem auch Thüringen 2015 beigetreten ist und das ständig wächst oder die eben nicht von der amerikanischen Regierung geförderte, sondern von mutigen Akteuren erschaffene alternative Präsenz U.S. Climate Action Center, wird immer wichtiger. Da genügen aber nicht nur Worte. Sondern sichtbare Allianzen. Die sind in Bonn an ganz vielen Stellen zu finden.

COP23 – Tag 1 – Fragen im Gepäck

Die Welt ist zu Gast in Bonn. Noch nie waren so viele Gäste auf einer zwischenstaatlichen Weltklimakonferenz. Ist das ein gutes Zeichen? Noch wird hart in der Stadt am Rhein gerungen.

Gerade in Bonn angekommen fällt auf, dass die ganze Stadt im COP23 Fieber ist. E-Busse rollen über das Konferenzgelände. Überall sind Wegweiser angebracht. Das VN-Sekretariats-Hochhaus strahlt. Eigentlich sind die Fidschi-Inseln Gastgeber dieser wichtigen Anschlusskonferenz nach Paris. Und in der Sprache der Pazifik-Insel heißt „Willkommen“ „Bula“. So heisst auch die gleichnamige Verhandlungszone hier auf dem Gelände, von dem ich ab morgen bis Freitag berichte.

Hier werden die Umsetzungsregeln für Paris, das so genannte Regelbuch, erstellt. Heraus kommen sollen Berichts- und Transparenzregeln, wonach alle mit dem gleiche Maß (zum Beispiel Tonnen CO2) messen und die zugesagte Finanzierung fließt.
Aus Thüringen kommend, habe ich vor allem viele Fragen im Gepäck, die ich in den nächsten Tagen diskutieren möchte. Viele Regionen auf der ganzen Welt spüren die Folgen des Klimawandels schon heute in einer ungeheuer heftigen Intensität. Mancherorts versinken Städte im Wüstensand, nur wenige Kilometer weiter entstehen extrem teure Bewässerungsanlagen und ermöglichen künstliche Wasserspiele. Wie nehmen die Delegationen beispielsweise aus dem arabischen Raum dazu Stellung? In den USA sind allein durch die jüngsten Hurrikans volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe entstanden, gleichzeitig negiert der amtierende Präsident den Klimawandel. Wie treten die USA, die das Pariser Weltklimaabkommen bislang nicht ratifiziert haben, auf und sind die fortschrittlichen Regionen, wie beispielsweise Kalifornien, sichtbar? In Deutschland wird gerade heftig diskutiert und um jeden Meter gerungen in einer potentiellen Jamaika-Koalition um Klimaziele und den Kohleausstieg. Wird die Kanzlerin ihre Chance vor 197 Ländern zu sprechen und die auf gemeinsame Erfolge einzuschwören nutzen und den Kohleausstieg verkünden?

Es geht um viel. Die Ziele von Paris, also die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad vor Beginn des industriellen Zeitlalters zu begrenzen, müssen untersetzt werden. Das Ziel steht fest, der Weg noch nicht. Wenn in Bonn der Weg, also das Regelbuch und die Finanzierung geklärt werden, kann im nächsten Jahr in Kattowitz die Brücke aus Paris geschlagen und eine beispiellose Geschichte multilateraler Verhandlungsmarathons geschlagen werden. Ich bin, zugegeben, sehr gespannt.

Warum jeder Schritt nach vorn in der Klimapolitik immer einer zu wenig ist…

Zur 100. Kabinettssitzung von Rot-Rot-Grün stand der erste Kabinettsdurchgang des Klimagesetzes am Dienstag auf der Tagesordnung. Monatelang haben wir mit den anderen Ressorts um jeden Halbsatz gerungen. Endlich würde eine erstmalig verbindliche Gesetzesgrundlage diskutiert werden.

Und just an jenem Tag, als die Koalition sich nach zähem Ringen, bei dem wir auch Kompromisse eingehen mussten, auf einen großen Schritt für gutes Klima in Thüringen verständigte, nahm auf der anderen Seite der Weltkugel der amtierende US-Präsident Donald Trump per Dekret die klimapolitischen Ziele der Obama-Regierung zurück. Trumps Dekret richtet sich gegen den „Clean Power Plan“, Barack Obamas zur Verringerung der CO2-Emissionen von Kraftwerken, in denen Kohle, Öl und Gas verbrannt wird. Der Plan war Kernstück der US-Verpflichtungen im Klimaschutzabkommen von Paris.

Hier wie da gehen die Uhren bekanntlich anders, aber sogar in entgegengesetzte Richtungen, das ist neu. Gerade weil die USA als einer der größten Emittenten für CO2 gelten und weil nach Paris und dem dort errungenen, von Umweltverbänden zunächst kritisierten aber nun in seiner Umsetzung umso drängender zu unterstützenden Beschluss keine Zeit mehr verstreichen sollte, ist dieser Schritt Trumps eine Ohrfeige für viele, die jahrelang für besseren Klimaschutz kämpfen. Dass gerade das Land, dass den Klimawandel durch Hurricans, extreme Hitze und Überschwemmungen stetig spürt, diesen Rückschritt machen soll, wird Widerstand erzeugen. Am 29. April, wenn wir unseren Klimapavillon auf der Landesgartenschau in Apolda eröffnen, ruft der Sierra Club landesweit zum Protest auf.

Wenn die USA nun aussteigen, lohnt sich dann der „kleine“ Thüringer Beitrag überhaupt? Schon heute wirkt sich der globale Klimawandel auch auf Thüringen aus. Gerade heute, wenn ich diese Zeilen schreibe, sollen an einem Märztag mit einer Durchschnittstemperatur von normalerweise 15 Grad 25 Grad werden. Nun ist Wetter nicht Klima, aber wir messen in Thüringen Jahr für Jahr einen Temperaturanstieg, weniger Frosttage, mehr Extremwetterlagen wie Hochwasser oder Hagelereignisse. Abwarten ist keine Option, denn es geht um den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Das duldet keinen Aufschub.

Das Thüringer Klimagesetz ist unser entschlossener Fahrplan für eine Treibhausgasreduzierung und Klimaanpassung mit Handlungsspielräumen für alle wichtigen Akteure: Kommunen, Gebäudeeigentümer und uns selbst als Landesregierung. Das Gesetz ist der Buchdeckel und das Inhaltsverzeichnis für eine moderne Klimapolitik in Thüringen. Die Seiten beschreiben werden wir mit der Klimastrategie, die wir im ganzen Jahr 2017 öffentlich diskutieren werden.

Was steht denn nun drin im Gesetz? Erstmalig werden wir konkrete Mindestziele für CO2–Ausstoß festlegen. 70-80-95 ist die Formel dafür. Die mit dem Koalitionspartner verabredete Zielkorridore sorgen dabei für Flexibilität, aber für uns ist doch klar: Wir streben den unteren Rand des verbleibenden Zielkorridors an. Sind 13 Prozent Einsparung bis 2030 zu wenig? Mit Sicherheit kann jeder Schritt zur CO2 Einsparung nicht groß genug sein, aber allein in den letzten beiden Jahren sind die Emissionen im Verkehrsbereich wieder deutlich gestiegen. Eine ‚tief hängende Frucht’, die uns in den Schoß fällt, sind die 13% nicht!

Die Kommunen erhalten Klimaschutz als Aufgabe im eigenen Wirkungskreis, damit sie frei planen können und werden vom Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz mit Mitteln dazu ausgestattet. Enormes Einsparpotential sehen wir im Wärmesektor, deshalb wir kommunale Wärmepläne fördern.

Im Strategieprozess der Landesregierung ist durch das Gesetz eine Bürgerbeteiligung festgeschrieben, denn Klimapolitik kann man nicht verordnen, sondern nur gemeinsam entwickeln. Der Diskussionsprozess ist gestartet und zwar mit allen Akteuren, von A wie der Arbeitsgruppe Artenschutz bis hin zu Zalando, dem Logistiker. Wie sollten wir auch anders die Realität verändern?
Auch klimaneutral wohnen und leben ist eines der Ziele des Gesetzes. Gemeinsam mit Gebäudeeigentümern wollen wir klimafreundliche Gebäude zum Standard machen, haben  Leitlinien für die Entwicklung einer CO2-armen Mobilität im Straßen- und Schienenverkehr im Gesetz und die Klimaanpassung in den Regionen geregelt.

Das alles ist manchen viel zu wenig und anderen viel zu viel. Ich sage, es ist ein Anfang. Am selben Tag kam eine meiner Töchter mit einem Test aus der Schule zur Unterschrift nach Hause. Überschrift: Kohleentstehung. Ergebnis: „Diese wird dann zum Verbrennen genutzt, da in den Pflanzen Kohlenstoff ist.“ Alles richtig, der zweite Teil der Geschichte, was nach der Verbrennung passiert, wurde nicht abgefragt. Das wäre dann der nächste Schritt…

Die Thüringerin des Jahres 2014

Erschienen in: Martin Debes, Thüringerin des Jahres 2014: Anja Siegesmund, TLZ vom 27. Dezember 2014.

Die Ministerin sitzt im Zug nach Berlin. Jetzt, endlich, hat sie ein paar Minuten Zeit. Am Handy, falls denn das Netz hält. Hinter Halle wird es ja immer löchrig.

Schnell also die Fragen gestellt. Wie es sich denn nach zwei Wochen anfühle, das Amt? „Eine großartige Aufgabe“, antwortet Anja Siegesmund. Dann macht sie eine Pause. „Sie ist schon herausfordernd.“ Noch eine Pause. „Sehr.“

Die Herausforderung begann an jenem als historisch beschriebenen Dezembertag. Damals, der erste linke Ministerpräsident Deutschlands namens Bodo Ramelow war gerade gewählt, stand sie im Plenarsaal des Thüringer Parlaments. Sie stand sehr gerade, so wie es ihre Art ist, und sagte „Ich schwöre es“.

Danach sprach sie: „So wahr mir Gott helfe!“. Sie sprach es sehr laut und sehr deutlich.

Mit diesem Moment amtierte Anja Siegesmund aus Jena als Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz. Mit 37. So jung war seit der Pastorin Christine Lieberknecht keine Frau mehr in ein Thüringer Kabinett gelangt. Und eine grüne Ministerin schon gar nicht.

Das halbierte Ministerium

Dazu noch ein paar Zahlen. Zehn Seiten sind dem Ministerium von den 106 Seiten des Koalitionsvertrags gewidmet. 150 Meter lang ist die Fassade des steinernen Kolosses, in dem das Umweltministerium sitzt. 850 Bedienstete werden demnächst hier und den angeschlossenen Behörden arbeiten.

Derzeit sind es sogar 1800. Doch im neuen Jahr gehen die Abteilungen für Landwirtschaft und Forsten hinüber in das neue Infrastrukturministerium, zusammen mit den meisten Landesämtern. Auch wenn dafür die Energieabteilung aus dem Wirtschaftsressort kommt: Das Ministerium wird, quantitativ betrachtet, schlicht halbiert.

„Das macht mir nichts aus“, sagt Siegesmund mit fröhlicher Stimme ins Telefon. Es gehe ihr um Qualität, „die neue Struktur ist gut“. Umweltschutz, Naturschutz, Energiewende, dies alles seien doch „die zentralen grünen Themen“.

Dass sie kurz vor dem Schluss der Koalitionsverhandlungen stundenlang gegen Linke und SPD um Felder, Wald und Wiesen kämpfte, erwähnt sie nicht – genauso wenig wie die vielfach bestätigte Tatsache, dass zuvor Ramelow den Bauern versprochen hatte, sie nicht den Grünen zuzuschlagen. Sie muss es auch nicht sagen. Es weiß sowieso jeder.

Außerdem, sie hat ja trotzdem einiges erreicht. Im Jahr 1977 wird Anja Kaschta in Gera geboren. Der Vater arbeitet als Schlosser, die Mutter als Feinmechanikerin. Systemnah ist die Familie nicht. Der Vater hat den Dienst an der Waffe verweigert.

Doch dieser Umstand kann das Mädchen Anja nicht mehr behindern. Als die Mauer fällt, ist sie 12. Nach dem Abitur studiert sie Politikwissenschaft, Psychologie und Germanistik in Jena, wo sie seither lebt. Zwei Semester absolviert sie im Ausland, im Süden der USA. Noch vor dem Abschluss kommt die erste Tochter.

Über ein Forschungsprojekt bei der Grünen-nahen Böll-Stiftung gerät sie zu der Partei und zur Thüringer Bundestagsabgeordneten Katrin Göring-Eckardt, die schon damals die Fraktion in Berlin anführt.

2002, im Jahr ihres Magisterabschlusses, wird Anja Kaschta Mitglied der Grünen. Ein Jahr später ist sie Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro von Katrin Göring-Eckardt, die schon damals die Fraktion im Bundestag führt. Zwei Jahre später wird sie zur Chefin der Jenaer Grünen gewählt und steht dem größten Kreisverband vor.

Und so schnell geht es weiter für die Frau, die nach der Heirat den Namen des Mannes annimmt und von nun an Anja Siegesmund heißt. 2009 steht sie dank ihrer Jenaer Verbindungen – und natürlich Göring-Eckardts Zutun – auf einem aussichtsreichen Platz auf der Liste für die Landtagswahl – und zieht tatsächlich in den Landtag ein. Als erste Amtshandlung macht sie der Spitzenkandidatin und ewigen Göring-Eckardt-Konkurrentin Astrid Rothe-Beinlich den Fraktionsvorsitz streitig und gewinnt.

Macht ist eine Kategorie, mit der Anja Siegesmund umgehen kann. Sie gehört wie ihre Mentorin aus dem Bundestag zum Realo-Flügel, also zu den Pragmatikern der Partei. Sie will regieren, nicht opponieren, so wie es die Parteilinke lieber tut. Und sie hat längst nicht so viele Probleme mit der CDU, wie sie im Wahlkampf tat.

Die ständigen Klagen über den „Filz“ der Regierungspartei, die extraharten Angriffe auf ihren Vorgänger im Umweltministerium, die Anzeige gegen die Ministerpräsidentin – dies alles kann sie auch heute noch wortreich und klug begründen. Eigentlich jedoch schätzt sie Christine Lieberknecht, die sie genauso duzt wie den neuen CDU-Chef Mike Mohring. Und eigentlich hätte sie gerne mit ihnen regiert. Auch darum sprach sie so laut von Gott im Landtag.

Aber es wurde eben, aus vielen und ziemlich verschiedenen Gründen, eine rot-rot-grüne Regierung, die erste ihrer Art. Wenn die Protestantin Siegesmund an den Sonntagen mit der Familie in die Kirche geht, gibt es nicht wenige, die zu ihr kommen und das Ja zu dieser Koalition beklagen. Ganz zu schweigen von all den Briefen, E-Mails, Anrufen…

Doch es ist jetzt entschieden. Sie ist Ministerin und auf dem Weg nach Berlin, zu ihrer ersten Sitzung im Bundesrat. Das zählt. Die Regierungen, an denen Grüne beteiligt sind, besitzen dort eine Mehrheit. „Da kann ich richtig was erreichen“, sagt sie.

Doch was sie daheim, in Thüringen, durchsetzen kann, wird sich noch zeigen. Kürzlich wollte eine Zeitung wissen, ob sie für Tempolimit auf Autobahnen im Wald sei. Irgendwie schon, antwortete die Ministerin, aber zuständig sei leider nur der Bund.

Und der Wald? Nun ja, sagte sie, dessen „Schutz stehe ganz oben“, da werde man viel tun. Dass aber für den Forst in erster Linie die Infrastrukturministerin von der Linken verantwortlich zeichnet, das sagte sie dann doch nicht.

Lieber erzählte sie davon, dass der neue Dienstwagen der Ministerin jetzt eine Nummer kleiner werde. Aus dem A 8 werde ein A 6. Oder so.

Noch muss sie eben richtig ankommen in ihrem Amt – so wie sie es vor fünf Jahren tat, als sie auf einmal, mit Anfang 30, die Fraktion einer Partei führte, die nach 15 Jahren erstmals wieder in den Landtag eingezogen war. Das, was sie einst am Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena in der Theorie studierte, hatte sie nun in die Praxis umzusetzen. „Das war schon krass“, sagt sie.
Die SMS beim Konzert

Zur Praxis gehören auch die drei Töchter, 13, acht und sechs Jahre alt. Die Frage, wie das nun funktionieren werde, mit einer 60-Stunden-Woche und der Familie, nervt sie hörbar. Für sie ist dies offenkundig eine Frage, die bevorzugt Müttern und nicht Vätern gestellt wird.

Dennoch antwortet sie. „Es wird schwierig“, sagt sie. Aber eben auch nicht schwieriger, als wenn eine Mutter im Schichtdienst arbeite oder ein Vater auf Montage müsse.

Wirklich? Kürzlich, sie saß im Weihnachtskonzert in der Jenaer Stadtkirche, während die eine Tochter geigte und die andere sang, da brummten wieder einmal die Mails und SMS aus ihrem Ministerium auf dem Handy wild herum. Sie hat sie natürlich sogleich gelesen.