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Wir haben es satt!

Mehr als 1500 Menschen gingen in Erfurt bei „Wir haben es satt“ für eine natur- und klimagerechte Landwirtschaft auf die Straße.

Unsere Demokratie ist niemals „fertig“ – Gastbeitrag im Tagesspiegel

Als Brandenburg und Sachsen gewählt hatten, gab es danach Verurteilungen, weil die blauen Flecken auf der Landkarte immer stärker eine zerrissene Republik dokumentieren. Der Osten sei demokratiemüde, lautete die gängige Erklärung. Stimmt sie? Karte und Gebiet, Urteil und Abgesang? Mich schmerzt das.

Es gibt diese Sehnsucht nach Vereinfachung in unserer komplexen Welt, und jeden Tag sind wir alle gefordert, dieser Versuchung zu widerstehen. Wir müssen aufhören so zu tun, als gäbe es für alles und jedes eine einfache Erklärung. Das beginnt bei unserer Sprache. Den einen Osten gibt es nicht. Die fünf Länder sind so vielfältig wie ihre Namen. In Weimar steht die Wiege des Bauhauses, in Dessau erblühte die Ideenschule erneut, um dann durch die Nazis in Berlin zerschmettert zu werden. Wo waren jetzt noch mal Weimar und wo Dessau? Genau.

Es gibt den gemeinsamen Ausgangspunkt Osten. Er steht für: die brachiale und jahrzehntelange Teilung eines Landes. Die Erwartungen tausender Menschen, die in Unfreiheit lebten und sich anstrengten, trotz der Widrigkeiten des Systems ein gutes Leben zu führen, friedlich demonstrierten und so Freiheit mutig erkämpften. Ihre Wege, Erfolge und ihr Scheitern. Ihr Einlassen auf einen Systemwechsel und die Geschichte der alten Bundesrepublik. Der riesige Veränderungsdruck, das Implodieren alter Gewohnheiten und die Kraftanstrengung neuer Möglichkeiten.

Also drängen neue Fragen des Perspektivwechsels auf: Was wissen wir wirklich übereinander, was wissen Sie über die Geschichte der DDR? Haben wir uns gegenseitig kennengelernt in diesen 30 Jahren – oder ist nicht noch etwas offen?

Ich könnte manchmal verzweifeln an der Sprechmüdigkeit, der gegenseitigen Interesselosigkeit, die so viel weniger thematisiert wird als die angebliche Demokratiemüdigkeit im Osten. Die so auch nicht stimmt, ich wiederhole mich da gern. Auch bei mir in Thüringen stimmt in Umfragen die überwiegende Mehrheit der Aussage zu, dass die Demokratie „die beste aller Staatsideen“ ist. Weniger Zustimmung gibt es bei der Zufriedenheit mit der Demokratie in der erlebten Praxis. Ist das irgendwo anders?

Demokratiezufriedenheit ist nichts, was mit Geld gekauft wird oder mit Wirtschaftsstatistiken gemessen werden kann. Sozioökonomisch betrachtet geht es den Menschen in Gelsenkirchen heute schlechter, als jenen in Leipzig. Müsste dann nicht vom sozialen Gefälle in unserer Republik eher die Rede sein, als vom abrutschenden „Osten“?

Nachdem nun in unzähligen Artikeln aus Büros in Hamburg, Hessen oder Bayern über den Osten geschrieben wurden, samt ökonomischer und gesellschaftspolitischer Argumente, gibt es die längst überfällige Debatte, wo unsere Demokratie stark und wo sie verwundbar ist, ja wer sich abgeschrieben fühlt.

Jetzt ist landauf landab der Zeitpunkt, raus aus der Komfortzone zu kommen und sich um unsere gemeinsame Zukunft zu bemühen. Denn der Transformationsprozess der Wirtschaft und eine Garantie für kommunale Daseinsvorsorge im ländlichen Raum sind keine Frage von Ost oder West, sondern im ganzen Land eine gemeinsame Herausforderung.

Richtig ist: Bei mir in Thüringen ist die Arbeitslosigkeit heute unter 5 Prozent und das Einkommensniveau deutlich gestiegen. Wir sind die erfolgreiche Transformationsregion, die andere nach Kohleausstieg und Dekarbonisierung gerne wären. Während sich die ganze Republik den Kopf zerbricht, was aus den 20000 Kohlekumpeln werden soll, sind wir bei über 60000 Beschäftigten alleine in der Umweltwirtschaft zukunftsfähig aufgestellt. Aber, gutes Leben braucht mehr. Wir sollten mehr über unsere Erfolge reden und auch über folgende 4 Lehren:

1. Unsere Demokratie ist niemals „fertig“, sie muss jeden Tag neu errungen werden. Überall. Die friedliche Revolution war kein Geschenk, sondern hart errungen. Und unsere freiheitlich demokratische Grundordnung erfährt erst durchs Zuhören und Mitmachen ihre Stärke. Klare Kante gegen die Demokratiefeinde gehört dazu. Die Kraft der Unteilbar-Demonstration in Dresden eine Woche vor der Sachsen-Wahl war unbeschreiblich. Sich mit Herz und voller Überzeugung gegen die Ewiggestrigen und Demokratiefeinde zu stellen und für unsere Freiheit zu kämpfen, ist unser aller Aufgabe.

2. Ja, es besteht weniger Vertrauen in staatliche Vorsorge, Sozialbindungen werden brüchiger. Das findet seinen Ausdruck auch in radikaleren politischen Ansichten. Tatsächlich verbuchen rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien überdurchschnittliche Stimmenanteile in jenen Regionen, in denen Wirtschaftskraft und Einkommensniveau eher niedrig sind, wo Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge immer stärker in Frage stehen. Deshalb braucht es heute mehr und nicht weniger Investitionen. Unser Ziel müssen republikweit gleichwertige Lebensverhältnisse sein. Lebenswerte Regionen kennen keine Versorgungsprobleme wie fehlende Internetanschlüsse, mangelnden Zugang zur Gesundheitsversorgung oder Haushaltssperren. Die Zukunft beginnt jetzt und zwar mit klugen Investitionen – unterstützt durch den Bund.

3. Es gibt Erfahrungen des Abgehängtseins und des Verlusts von Lebensqualität, weil in kleinen Dörfern der Bus nicht mehr hält, der Dorfladen geschlossen ist und die Jüngeren weitergezogen sind. Es gibt aber auch ermutigende Gegenbeispiele. Die Dörfer, die Städte, die Landkreise sind Keimzellen der Demokratie. Ihre Zukunft entscheidet sich vor allem durch die Arbeit der Kommunen und das Mitwirken ihrer Bürgerinnen und Bürger. Es gilt, vor Ort Ansätze zu entwickeln, um Rechtspopulismus und der Hoheit einfacher Antworten über unsere komplexe Welt an den Stammtischen entschieden zu begegnen. Wichtiger denn je sind dabei intakte öffentliche Räume und Institutionen, in denen man sich um die Zukunft austauschen und streiten kann, in denen man gemeinsam nach Lösungen sucht.

4. Lernen wir von den Transformationserfahrungen in Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern! Die dortige Generation 40+ erlebt den permanenten Veränderungsdruck besonders geballt:  Arbeitswelt, soziale Beziehungen, Identifikation und sozioökonomische Verhältnisse veränderten sich in einem rasanten Tempo. Die kommenden Transformationsprozesse der Digitalisierung, der Dekarbonisierung unserer Wirtschaft und der Veränderung unserer Arbeitswelt halten die Gesellschaft darüber hinaus weiter in Bewegung.

5. Zur Erinnerung an die überwundene Teilung reicht nicht allein eine Wippe in Berlin. Das größte Friedensprojekt ist Europa. Und die alte Teilung noch erlebbar entlang der ehemaligen Grenze. Der Todesstreifen von damals ist heute grüne Lebenslinie. Als Nationales Naturmonument, nicht nur in Thüringen sondern ganz Deutschland wäre das Grüne Band als gemeinsamer Erfahrungsort für gestern und heute angemessen geschützt.

 – Der Gastbeitrag wurde am 30. September 2019 im Tagesspiegel veröffentlicht. –

Interview im Magazin der Grünen: „Thüringen ist das grüne Herz mitten in der Republik“

Thüringen, Deutschlands Grünes Herz“ – prima Slogan?

Anja: Der im Jenaer Theaterhaus groß gewordene Rainald Grebe singt: „Seit wann sind Herzen grü-ü-ün?“ in seiner Thüringen-Hymne. Mutet beim ersten Hören komisch an. Stimmt aber. Thüringen ist das grüne Herz mitten in der Republik.

Unser Plan für Thüringen:

Dirk: Mehr Klimaschutz und Demokratie. Wir werden mit unserem 2-Euro-Ticket den Nahverkehr attraktiver machen. Wir wollen die Zivilgesellschaft im Kampf gegen Rechts sowie die Gleichstellung durch paritätisch besetzte Parlamente stärken.

Anja: Flächendeckende Bus- und Bahnanbindung im Stundentakt, damit man besser ins ganze Land kommt. Wir zeigen, wie die ökologische Transformation der Wirtschaft geht. Und in Weimar drängen immer mehr Studierende an die Bauhaus-Uni, weil hier Kunst und Klassik die Moderne treffen.

Das haben wir schon erreicht:

Anja: Klimaschutz ist Gesetz. Das „Grüne Band“ ist Nationales Naturmonument. Es gibt zwölf „Natura 2000“-Stationen, die unsere Naturschätze pflegen und bewahren. Wir sind spitze beim Ausbau der Erneuerbaren und der Elektromobilität. Bei uns gibt es fünf Prozent Wildnis im Wald. Hart errungen, aber geschafft!

Da geht noch was:

Dirk: Mehr Zusammenhalt, um der Spaltung der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Gleiche Rechte für Frauen, Verantwortung für unsere Vergangenheit, Stärkung des Rechtsstaats und nicht zuzulassen, dass sich das Recht des Stärkeren durchsetzt.

Anja: Wir brauchen einen klugen Umgang mit unseren Ressourcen, eine nachhaltige Landwirtschaft und mehr Tierwohl. Mit der Natur und dem Klima lässt sich nicht verhandeln.

Dafür schlägt mein Herz:

Dirk: Meine Familie, Fairness, ein selbstbestimmtes Leben. Und immer mal ein schönes Lagerfeuer.

Anja: Die freie Kulturszene in Jena. Jetzt gerade haben sie es geschafft, mit einem Crowdfunding-Projekt aus dem alten Schlachthof eine neue Kulturbaustelle zu machen.

Thüringens größte Herausforderung?

Dirk: Wir müssen unseren Wald stark machen als Sauerstoffspender, Wasserspeicher, CO2– und Temperatursenke. Klimaschutz wird ohne gute Angebote im Verkehrsbereich nicht gelingen. Wir können nun mehr für eine CO2-freie Energieerzeugung tun und müssen auch in der Landwirtschaft schnell handeln.

Darüber lache ich:

Dirk: Über einen guten Witz, der uns aus den ernsthaften Debatten reißt.

Anja: Den neuen Tarantino-Film.

Das lässt mich hoffen:

Anja: In Freiheit leben zu können und in unserer Demokratie. Meine Kinder und unsere Familie. Fridays for Future. Oder die Kraft der Unteilbar-Demos wie in Dresden Ende August.

Dirk: Die vielen Menschen, die sich im Kleinen und im Großen engagieren, gerade dort, wo der demografische Wandel schon deutlich zu spüren ist – da ist oft so eine Kraft.

Das ärgert die Thüringer*innen:

Dirk: Künstlich herbeigeredete Konflikte zwischen Stadt und Land. Entscheidend sind gute Bedingungen für das Zusammenleben der Generationen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt.

Anja: Lohnungleichheit nervt. Da gibt es noch ganz schön einen Weg zu gehen.

Altenburger Käse oder Schmöllner Mutzbraten?

Anja: Beides lecker. Guter Käse toppt alles.

Dirk: Eher Bratwurst, Kloß und Kartoffelpuffer.

Das schätze ich an Dirk:

Anja: Dirk kennt dieses Land und die Thüringer*innen wie kaum jemand sonst. Er weiß, wie man grüne Politik umsetzt und dabei die Menschen und Akteur*innen mitnimmt.

Das kann Anja besonders gut:

Dirk: Anja kann begeistern und hat es geschafft, grünen Themen eine starke Stimme zu geben.

Dein Lieblingslied?

Dirk: Die Ärzte – „Deine Schuld“

Anja: U2 – „ONE“

Was zeigt ihr eurem Besuch?

Anja: Die Saale vom Paddelboot aus, die Klassik- und Bauhaus-Stadt Weimar zu Fuß und den Thüringer Wald mit Rucksack.

Dirk: In Erfurt Domplatz, Synagoge und Krämerbrücke. Mit Freunden den Schneekopf besteigen und in die „Neue Gehlberger Hütte“ einkehren.

Bauhaus, Weimarer Klassik: Ist Understatement typisch Thüringisch?

Anja: Na klar. Wenn zum Bauhaus jetzt noch mehr die Bauhaus-Frauen in den Fokus rücken, umso besser. Gropius wollte die Frauen auf die Weberei reduzieren. Genau diese Frauen haben dem Bauhaus erst Innovationskraft gegeben.

Kaffee oder Tee:

Dirk: Kaffee. Und jeden Tag zu viel davon – ich kann es nicht lassen.

Stadt oder Land:

Anja: Stadt UND Land. Wer in Thüringen die wunderbare Rhön nicht kennt, war nie hier.

Unser Wahlziel:

Anja: Das stärkste grüne Ergebnis ever und dann weiter machen mit Linke und SPD, einem progressiven Bündnis, das das Land modernisieren kann.

Dirk: Denn nur mit uns gibt es Klimaschutz und eine klare Haltung für Demokratie und gegen die Spaltung der Gesellschaft.

Diese (persönliche) Grenze würde ich gern überwinden:

Dirk: Eine Sprechrolle in einem Weimarer Tatort haben.

Anja: Rennsteiglauf schaffen.

Ein Goethe-Zitat zum Schluss?

Dirk: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“

Anja: Für die Bundesregierung als Ermutigung für echten Klimaschutz: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich endlich Taten sehen.“

Anja Siegesmund (*1977 in Gera) hat Politikwissenschaft, Germanistik und Psychologie in Jena und Baton Rouge (USA) studiert. Sie ist seit 2009 Mitglied des Thüringer Landtags, war bis 2014 Fraktionsvorsitzende und ist seit Ende 2014 Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz. Anja Siegesmund ist verheiratet und hat drei Kinder.

Dirk Adams (*1968 in Groß Schönebeck) ist gelernter Ofensetzer und Gas-Wasser-Installateur, hat einen Bachelorabschluss in Staatswissenschaften und ist Diplomingenieur (FH). Von 2004 bis 2009 war er Stadtrat und von 2006 bis 2012 Kreisvorsitzender in Erfurt. Seit 2009 ist Dirk Adams Mitglied des Thüringer Landtags und seit Ende 2014 Fraktionsvorsitzender.

Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau

Vom Todesstreifen zur Lebenslinie. Das Grüne Band Deutschland steht für die Geschichte eines geteilten Europas. Zugleich steht es für die europäische Friedensidee.

In diesen Tagen des Gedenkens an 30 Jahre Friedliche Revolution gibt es viele gute und passende Orte der Erinnerung. Mein Lieblingsort ist 1400 Kilometer lang: Das Grüne Band Deutschland, das seit 30 Jahren für eine einzigartige Verbindung von Erinnerungskultur und Naturreichtum steht. Der ehemalige Todesstreifen wurde zur Lebenslinie.

Immer wieder bin ich entlang des Grünen Bandes unterwegs – zu Fuß, mit dem Rad oder Schlauchboot. Ich komme mit Menschen aus der Region ins Gespräch und zusammen bestaunen wir, was für eine Naturvielfalt im Schatten der Grenze entwickelt hat: Am Harzer Grenzweg, im Schiefergebirge und Frankenwald, in der hügeligen Landschaft der Rhön, entlang der Werra und ihrer Auenlandschaften, der Saale, dem Erinnerungsort West-Östliches Tor, das 2002 noch von Michail Gorbatschow eingeweiht wurde. Unterwegs werden immer wieder Reste der Grenzbefestigungsanlagen sichtbar. Hier  wird Geschichte lebendig. Von 1954 stammt die DDR-Anordnung zur Einrichtung eines „Sperrgebiets“ entlang der Grenze. So entstand dann eine vorgelagerte 5-Kilometer-Sperrzone, gefolgt von 500 Meter breiten Schutzstreifen und dem Kontrollstreifen unmittelbar vor dem Grenzzaun. Hinter dem Grenzzaun  bis zur eigentlichen Grenzlinie: ein Niemandsland. Und genau hier können wir jetzt unterwegs sein. Zu den besonders geschützten Arten, die hier zuhause sind zählen Fischotter und Gelbbauchunke, Schwarzstorch und Blaukehlchen, Schmetterlinge wie der Wiesenknopf-Ameisenbläuling.

Thüringen hat den größten Anteil am Grünen Band Deutschlands: 763 Kilometer, die wir im vergangenen Jahr als Landesregierung unter Schutz gestellt haben als Nationales Naturmonument. Heute ist jede der Begegnungen am Grünen Band mit einem Blick zurück und einem Blick nach vorn verbunden. Das ist eigentlich das, was unsere Gesellschaft in diesen Tagen umso mehr bracht. Mario Goldstein, ein Filmemacher und Abenteurer hat hier zu Fuß seine eigene frühere Fluchtgeschichte verarbeitet und ist die 763 Kilometer in 53 Tagen abgewandert. Das geht also auch. Er – der schon viel in der Welt unterwegs war –  hat dazu gesagt: Das war eines meiner emotionalsten Abenteuer. Es muss nicht das ganze Band sein, aber man kann auch kleinere Etappen des Grünen Bandes als Pilgerreise nutzen. Mittlerweile hat er seine Wanderungen entlang des Grünen Bandes in ganz Deutschland fortgesetzt. Ein gebürtiger Coburger, der sich später bei der Stiftung Naturschutz Thüringen engagierte,  sagte mir:  „Die Grenze war für mich eine fürchterliche Unmenschlichkeit – aber auch ein Naturraum. Als ich 1989 zum ersten Mal am Kolonnenweg war, ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen. Hier entsteht etwas Einmaliges.“  So geht es hier vielen. Ein ehemaliger Bürgermeister, der das Grenzlandmuseum Teistungen mit aufgebaut hat, erzählte: „Nach der Wende haben wir uns gefragt, was hier werden soll. Viele wollten die Symbole der Unterdrückung nicht mehr sehen. Wir fanden: Die Menschen, die nach uns kommen, dürfen nicht vor einem leeren Feld stehen. Sie sollen erfahren können, was damals geschehen ist. Wir müssen also die Chancen bewahren, sich auch später noch mit dieser Geschichte beschäftigen zu können.“

Das Grüne Band steht für die Geschichte eines geteilten Europas. Zugleich steht es wie kein anderes als Synonym für die europäische Friedensidee: Wir haben die Teilung hinter uns gelassen. Ich finde: Drei Jahrzehnte nach der Überwindung von Mauer und Grenzen ist es nun endlich an der Zeit, aus dem Grünen Band einen bundesweiten Erinnerungsort zu machen. Alle beteiligten Bundesländer sollten dafür ein Nationales Naturmonument ausweisen. Sachsen-Anhalt ist nach Thüringen bereits kurz vor dieser Entscheidung.

Wanderungen zwischen den Grenzlandmuseen durch ehemalige Sperrgebiete schärfen den Blick für Natur und Geschichte. Für uns alle, aber gerade auch für junge Menschen wird diese Erfahrung immer wertvoller, je weiter die deutsch-deutsche Teilung zurückliegt. Wir sprechen von einem einzigartigen ökologischen Denkmal deutscher Geschichte, das naturtouristisch einiges zu bieten hat und als Ganzes Anerkennung und Schutz verdient. Deshalb ist auch eine Nominierung als Welterbe geeignet. Die lückenlose Ausweisung eines Nationalen Naturmonuments am Grünen Band in allen betroffenen Bundesländern Deutschlands, wäre dafür ein wichtiges Zeichen mit europäischer Wirkung.

Thüringen hat den Anfang gemacht. Jetzt ist es an der Zeit, dass in Berlin der Blick dafür geschärft wird, was wir in der Mitte der Republik für einen charismatischen Ort  für Erinnerung, Versöhnung und Naturgenuss haben. Das ist das echte Denkmal 30 Jahre nach der friedlichen Revolution. Keine Wippe, keine Inschrift – die grüne Brücke mitten in Europa selbst.

 – Der Gastbeitrag wurde am 26. September 2019 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht. –

Präsentation der Kampagne zur Landtagswahl

In Erfurt haben die beiden bündnisgrünen Spitzenkandidat*innen Anja Siegesmund und Dirk Adams die grüne Kampagne zur Landtagswahl vorgestellt: Für Klimaschutz und Demokratie.

Mikroplastik braucht kein Mensch

Klein, bunt und kaum wahrnehmbar: Mikro- und Nanoplastikpartikel sind inzwischen überall in der Umwelt nachweisbar. Sie gelangen u. a. durch die Zersetzung größerer Plastikteile oder über Kosmetika, Reifenabrieb oder Kunststofffasern von synthetischer Kleidung in die Gewässer und somit ins Meer und in unsere Böden.

Auch gelangen Kunststoffe aus Kosmetikprodukten über lokale Abwässer in unsere Böden. Alles, was nicht über Klärschlämme raus gefiltert wird, landet in der Umwelt. Inzwischen sind in den Mägen von Seehunden, Fischen und Kleinorganismen entsprechende Partikel zu finden.

Aktuelle Ergebnisse aus der Studie des Fraunhofer Institutes für Umwelt „Kunststoffe in der Umwelt“ (Juni 2018) zeigen, dass 4 Kilogramm pro Kopf jährlich an Mikroplastik in die Umwelt freigesetzt werden. Mit einer Verweildauer von mehr als 100 Jahren überlassen wir kommenden Generationen richtig viel Kunststoffe in der Natur.

Kosmetikprodukte sind zwar nicht die größte Quelle für Mikroplastikverunreinigungen, jedoch kommen trotz freiwilliger Selbstverpflichtung der Kosmetikhersteller diese Stoffe immer noch vor. Das muss nicht sein.

Die Hersteller und Vertreiber haben selbst den größten Einfluss auf die Gestaltung der von Ihnen hergestellten und vertriebenen Produkte und es ist an der Zeit, bewusster mit dem Einsatz und Zusatz von Stoffen umzugehen.

Zwar hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Oktober 2017 das Forschungsthema „Plastik in der Umwelt – Quellen • Senken • Lösungsansätze“ aufgelegt. Es sollen hierbei u. a. standardisierte Verfahren zu Probenahmen, zur Probenaufbereitung sowie zum Nachweis von Mikroplastik in allen Umweltmedien (Wasser, Boden, Luft) entwickelt werden. Aber das ist doch erst der Anfang.

Damit wir schneller runter vom Plastikberg kommen, haben Hamburg und Thüringen gemeinsam einen Antrag zum Verbot von Mikroplastik in Kosmetika im Bundesrat mehrheitsfähig gemacht. Es ist uns heute gelungen, die Bundesregierung aufzufordern, das Verbot von Mikroplastik in Kosmetika umzusetzen.

Wir haben daneben zur Ermittlung der Belastung von Mikroplastik in Fließgewässern 2018 eine Studie an der Universität Bayreuth beauftragt. Die Untersuchungen erfolgen in Anlehnung an das länderübergreifende Untersuchungsprogramm der Pilotstudie in den Gewässern der fünf Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

Wasser kennt keine Landesgrenzen. Grundsätzlich kann von einer zivilisatorischen Grundlast an Mikroplastik in Gewässern anhand der vorliegenden Ergebnisse der Pilotstudie ausgegangen werden.

Unabhängig von den Ergebnissen in Thüringen ist es an der Zeit, dass der Plastikeintrag in die Umwelt zwingend reduziert wird.

Wir müssen etwas gegen die zunehmende Mikroplastikverunreinigung tun und dürfen nicht untätig zuschauen. Andere Länder wie z. B. Schweden, Italien, Kanada und Neuseeland sind uns hier ein Stück voraus, was die nationale Verbotsregelung betrifft.

Gastbeitrag: „Zukunft wird aus Mut gemacht“

erschienen in der Tageszeitung Freies Wort am 15.3.2019

Heute gehen in über 1600 Städten weltweit Jugendliche für die Fridays for Future-Bewegung auf die Straße. Auch in München, Berlin oder Erfurt werden Schülerinnen und Schüler fordern: Löst die Klimakrise und ermöglicht uns Zukunft. Angestoßen von dem mutigen Auftritt der 16-jährigen Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament und später vor Delegationen aus der ganzen Welt bei der Klimakonferenz in Kattowitz streiken Jugendliche für den Erhalt ihrer Lebensgrundlagen. Eine unglaubliche Geschichte, die immer mehr Menschen inspiriert. Anspornend ist, dass jetzt eine Bewegung entstanden ist, die nachdrücklich und friedlich protestiert. Und immer mehr Wissenschaftler, Eltern und Politiker, die morgens die Zukunft am Frühstückstisch sitzen haben, können sich dieser Bewegung nicht verschließen. Das geht auch mir so.

Warum? Die Argumente sind überzeugend! Wir leben derzeit so, als gäbe es einen zweiten Planeten. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen, vermüllen die Erde und tun zu wenig gegen das Insektensterben. Gerade die Politik muss sich mehr denn je fragen: Tun wir das Mögliche und Notwendige, um auch den Kindern und künftigen Generationen eine gute Zukunft zu ermöglichen?

Die Bundesrepublik hat seine Vorreiter-Rolle im Bereich Energiewende und Ausbau Erneuerbarer Energien längst verloren, weil wir zu lange stehen geblieben sind. Im Verkehr gehen die Kohlendioxidzahlen überhaupt nicht runter. Ökologisch leben wir über unsere Verhältnisse und heizen die Erde weiter auf. Die Folgen werden immer spürbarer, Wetterextreme nehmen zu – auch in Thüringen, wie uns der letzte Dürre- und Hitzesommer gezeigt hat. Die Daten der Thüringer Klimaagentur sind eindeutig. Der Winter 2018/2019 war erneut zu warm, gegenüber der 30-jährigen Vergleichsperiode um 2,7 Grad. Dass angesichts dieser Zahlen Jugendliche um ihre Zukunft kämpfen, sollte uns Ansporn sein.

Als bei der Weltklimakonferenz in Kattowitz das Regelbuch beschlossen wurde, hat Thüringen das erste Klimagesetz der neuen Länder verabschiedet. Wir verpflichten uns nicht nur Klimaschutz, sondern auch Klimaanpassung voranzutreiben, wie beispielsweise Hochwasserschutz. Wir streben bis 2040 an, 100 Prozent erneuerbare Energien hier in Thüringen zu produzieren. Wir wollen bis 2050 über 95 Prozent CO2 reduzieren im Vergleich zu 1990. Dabei können wir schon jetzt eine Erfolgsgeschichte erzählen: Knapp 60 Prozent sind bereits geschafft. Wir haben so viel Mittel in Klimaschutz investiert, wie in den gesamten Jahren davor nicht – 100 Millionen Euro zusätzlich zwischen 2014 bis 2019. Immer mehr Unternehmen nutzen unsere Unterstützung zur Verbesserung ihrer Energieeffizienz. Das sind gute Entwicklungen!

Jeder kann Klimaschutzprofi werden. Das bemisst sich nicht nach Alter oder Körpergröße. Christian Lindner irrt, wenn er getreu des Mottos „das-vorlaute-Kind-sollte-mal-lieber-Hausaufgaben-machen“ die Fridays for Future-Bewegung abkanzelt, indem er sagt, dass die „Profis“ ran sollen. Der Bundestag hat bekanntlich noch nicht mal den Kohleausstieg beschlossen. Und ganz ehrlich: wer würde den Kindern zuhören, wenn sie sich Sonntag 14 Uhr treffen würden?

Zukunft wird aus Mut gemacht. Wohlstand gibt es nicht ohne Klimaschutz. Das ist der Auftrag der kommenden Generationen an uns alle. Die Jugendlichen fordern den Generationenvertrag ein und erinnern uns: Wir haben die Erde nur von ihnen geborgt. Wenn auch dieser heutige Tag dazu beiträgt, dass über Umweltpolitik, Nachhaltigkeit, Klimapolitik und Erneuerbare Energien in den Schulen kontinuierlich mehr geredet wird – ganz einfach weil es der immer drängendere Wunsch der Schülerinnen und Schüler ist – wäre ein großer Schritt getan. Dann findet die Debatte nämlich auch stärker in den Schulen und erst recht an vielen anderen Küchentischen statt. Das kann nur gut sein.

Im Interview: Verbindung von Wirtschaftskraft und Umweltschutz ist zukunftsweisend

Erschienen: Wirtschaftsspiegel Thüringen, Ausgabe 6/2018 (Jg. 14), S. 6-7.

 

Trendforscher behaupten, dass die Themen Nachhaltigkeit und Ressourcen-Effizienz zu den großen Treiberthemen der Zukunft gehören werden. Langsam aber sicher beginnen immer mehr Unternehmen, sich darauf einzustellen und bemerken, dass sich dies positiv auf die Bilanzen auswirkt. Thüringens Umwelt- und Energieministerin Anja Siegesmund (B’90/GRÜNE) spricht im WIRTSCHAFTSSPIEGEL-Interview darüber, wie sich mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben lassen und wie die Landespolitik Unternehmen beim nachhaltigen Wirtschaften unterstützen kann.

 

Frau Ministerin, grünes Gedankengut wird in der Wirtschaft bisweilen belächelt – um es mal wohlwollend zu formulieren. Nervt es Sie, in bestimmten Zirkeln als Bremserin für wirtschaftliche Entwicklung angesehen zu werden?

Nein, das Gegenteil ist richtig. Ich will, dass wir neue Türen aufstoßen und neue Chancen nutzen. Die globalen Anforderungen an die Wirtschaft wachsen. Wenn die deutsche Autoindustrie beispielsweise früher grün gedacht hätte, wäre sie weltweit weiter führend und müsste sich zudem nicht rechtfertigen, warum der Verkauf von deutschen E-Automobilen trotz aller Förderung in den Kinderschuhen steckt. Eine ganze Branche ist in eine Glaubwürdigkeitskrise gerutscht. Deshalb fördere ich Elektromobilität inklusive Wasserstoff und innovative Technologien. Fakt ist: Es lässt sich auch mit einer deutlich ökologischeren Industrie Geld verdienen.

Kann man also mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben?

Das tun wir längst. Der effizientere Umgang mit Energie spart Kosten. Effizienz- und Unternehmensgewinne bedingen einander. Ich zeichne jährlich die besten Unternehmen in Thüringen für Effizienz und Nachhaltigkeit aus. Die Firma Königsee Implantate aus Allendorf hat beispielsweise den Energieeffizienzpreis 2017 dafür erhalten, dass sie ganzheitliches Energiemanagement betreibt, in dessen Fokus die optimale Abwärmenutzung und -speicherung steht. Sie nutzt Abwärme aus der Drucklufterzeugung, dem Serverraum und den Produktionshallen und sichert damit eine bedarfsgerechte Wärmeversorgung. Anderes Beispiel: Wenn ein Kunststoffunternehmen sparsame Elektromotoren beim Spritzguss einsetzt, wird der Aufwand für Energie reduziert. Und das nicht nur im Moment der Anfangsinvestition, sondern für die komplette Lebenszeit der Technik. So gibt es noch viele andere Firmen. Ich will Ihnen dazu ein paar Zahlen nennen: Das globale Marktvolumen der Umwelttechnik und Ressourceneffizienz hat 2016 die Marke von drei Billionen Euro überschritten und beläuft sich auf 3.214 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen hielten 2016 am Weltmarkt in Umwelttechnik und Ressourceneffizienz einen Anteil von 14 Prozent. Das ist doch sagenhaft!

Gerade das Thema Ressourcen-Effizienz hört man sehr oft. Ist das einfach nur ein neuer Hype?

Es ist die Verbindung von Wirtschaftskraft und Umweltschutz und deshalb zukunftsweisend. Ressourcen-Effizienz als Begriff ist der heute erreichte Zwischenstand aller Überlegungen zum Thema Nachhaltigkeit. Nehmen Sie sauberes Wasser, reine Luft und verfügbare Rohstoffe. Es liegt auf der Hand, dass die am Ende für uns Menschen in einem endlichen Maß zur Verfügung stehen. Auch bei der Energieerzeugung stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln wir künftig die erforderliche Energie erzeugen. Das ist kein „Hype“, sondern eine Antwort auf die Frage, wie wir morgen leben werden und wollen. Letztlich setzt sich auch in der Wirtschaft der Gedanke durch, dass der nachhaltige Umgang mit Ressourcen immer auch Kosten spart.

Wo stehen Thüringen und seine Wirtschaft bei diesem Thema?

Ich fördere Thüringer Unternehmen wie kein Umweltminister vorher – etwa mit Programmen wie Green Invest für Energieeffizienz. Das Ziel ist, möglichst vielen kleinen und mittleren Firmen dabei zu helfen, deutlich besser mit Energie umzugehen und damit in der Summe für Thüringen einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und die CO2-Bilanz nachhaltig zu verbessern. Bei Erneuerbaren Energien sorgt das Programm Solar Invest dafür, dass Solaranlagen wirtschaftlich betrieben werden. Mit der Förderung von E-Bussen und dem Programm EMobil Invest beschleunigen wir den Umstieg auf klimafreundliche Mobilität. Und das NAT-Abkommen in Thüringen mit über 600 Unternehmen zeigt, wie immer mehr Thüringer Unternehmen Wirtschaftskraft und Umweltschutz zusammendenken.

Was wären aus Ihrer Sicht die ersten Fragen, die man sich stellen sollte, wenn man als Unternehmer anfängt, über diese Dinge nachzudenken?

Wie schaffe ich eine Win-Win-Situation, die meinem Unternehmen langfristig Gewinn und Perspektive bietet und gleichzeitig gesellschaftliche Anerkennung, weil Klima- und Umweltschutz mitgedacht werden. Wie schaffe ich es also, über den Tag hinaus zu denken und jenseits des kurzfristigen Profits, das langfristige Wachstum meines Unternehmens im Blick zu haben. Welcher Produktionsprozess benötigt weniger Ressourcen und schafft Produkte, die nach Gebrauch wieder dem Stoffkreislauf zugeführt werden können? Bei Born Senf beispielsweise habe ich mir zeigen lassen, wie dort die Cradle to Cradle-Idee mit Leben gefüllt wird. Ein paar Beispiele: Die Senfbecher als Verpackungen sind komplett zerlegbar und die sogenannten „Squeezer“-flaschen zu 100 Prozent recyclebar. Das Unternehmen baute ein CO2-neutrales Logistik- und Verwaltungsgebäude und nutzt Elektromobilität für Transportwege und bei Dienstwagen. Die Verpackung von angelieferten Kisten wird geschreddert und als Polstermaterial für den Versand weiterverwendet. Das ist spitze.

Welchen Werkzeugkasten hat die Landesregierung – speziell Ihr Ressort – um Unternehmen auf dem Weg zu einem überlegteren Umgang mit Ressourcen zu begleiten?

Das tun wir auf drei Ebenen: Erstens Beraten. Zweitens Fördern. Drittens Austauschen. Die ThEGA, unsere Landesenergieagentur, berät. Mit Green Invest ermöglichen wir den kleinen und mittleren Unternehmen in einem ersten Schritt, einen Energieberater zu beauftragen,  die  energetische Analyse des Unternehmens vorzunehmen und lohnende Investitionen zu identifizieren. Danach kann sich das Unternehmen unsere finanzielle Unterstützung dafür holen, ein Energieeffizienzprojekt umzusetzen. Im NAT-Abkommen vernetzen sich vorbildliche Akteure und unterstützen sich.

Stichwort finanzielle Unterstützung: Manchmal braucht es einen finanziellen Impuls, um als richtig Erkanntes in Angriff zu nehmen. Können Sie spezielle Fördermöglichkeiten benennen, die Unternehmen in Sachen Ressourcen-Effizienz nutzen können?

Forschungsvorhaben und Bundesprogramme gehören dazu. Es gibt ein Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), das Investitionsmaßnahmen für Ressourceneffizienz und Materialeinsparung fördert. Und die Umweltschutzförderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zielt außerhalb der staatlichen Programme oder in Ergänzung auf innovative, modellhafte und lösungsorientierte Vorhaben beim klima- und ressourcenschonenden Bauen, bei Ressourceneffizienz durch innovative Werkstofftechnologie und Stoffkreisläufen. Impulse gibt es also reichlich.

Laut und klar und deutlich. Vom ersten Tag an. 

Heute vor 4 Jahren: Mein erster Tag als Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Energie in Thüringen. Die Gewissheit, jetzt geht es um Verantwortung in Erfurt. Punkt. Ich erinnere mich gut an den ersten Tag: Herzklopfen, freundliche Begrüßung im Ministerium in der Beethovenstraße 3. Überhaupt, Beethoven. Erwiesenermaßen war der große Komponist ein Naturliebhaber und genoss die Spaziergänge im Freien: „Mein Dekret: nur im Lande bleiben. Wie leicht ist in jedem Flecken dieses erfüllt! Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig, heilig! Im Walde Entzücken! Wer kann alles ausdrücken? (…)“

Er drückte es mit der Musik aus. Seine Naturverbundenheit können wir hören. In politischen Entscheidungsprozessen dreht ein ganzer Betrieb – einem Uhrwerk gleich – ein Rad in das andere. Sehen können die Menschen aber nur das Äußere, also ob wir erfüllen, was wir uns im Koalitionsvertrag vorgenommen haben. Das Uhrwerk bleibt verborgen.

Ehrlich gesagt, die Leichtigkeit der 5. Sinfonie, die Beethoven den Bächen rund um Wien widmete, überkam mich am 5. Dezember 2014 nicht. Verantwortung schmeißt ganz schön was auf die Waagschale. Jeden Tag. Wenn er ausruft „Im Walde Entzücken!“ – dann empfand ich das an den Wochenenden mit meiner Familie so, verstand, was Thoreau einst schrieb: „Ich ging in den Wald, denn intensiv leben wollte ich.“ Bis heute liebe ich jede Minute draußen. Aber die Aufgabe im Dienste des Landes liess dafür eher weniger Raum. Vier Jahre im Zeitraffer? Akten. Einlesen. Antrittsbesuche. Hier und da. Personalrunden. Kaffee im Süden. Kabinett. EEG. Bundesrat. Grüne Lage. Fraktionssitzung. Koalitionsausschuss. Mappen. Freie Schulen. Windrad. Waldwildnis. Krach mit den Förstern. Einigung mit den Förstern. Begegnungen. Kaffee mit Länderkollegen. Jena. Kernkabinett. Erfurt. Berlin. Rositz. Altlasten. Umweltsünden beseitigen. Märzenbecher im Hainich. Rhönschafe. Grünes Band. Filtererlass. Natura 2000. Natura 2000 Stationen. Terminrunde. Wildnis. Zeitdruck. Klimagesetz. Kopenhagen. Kaffee! Klimapavillon. Hochwasserschutzkonferenzen. Green belt conference. Bürouhr mit Bahn-Logo. Umweltministerkonferenzen. Sommertouren. Wanderschuhe. Fahrrad. ICE….

Das Ministerium in der Beethovenstraße, einst Hauptpostamt von Erfurt, drückt bis heute rein äußerlich schwer mit seinem neoklassizstischen „Charme“  auf jeden Betrachter und Besucher. Aber der gute alte Brecht hat recht, wenn er sagt: „ Hast Du Schweres zu entscheiden, tue Dich leicht.“ Jede Stufe nimmt sich leicht – mit Haltung. Unsere Haltung ist und war, dem Schutz unserer Lebensgrundlagen eine Stimme zu verleihen. Laut und klar und deutlich. Vom ersten Tag an. Mit „unsere“ meine ich meinen Staatssekretär Olaf Möller und Bernd Scherer, der uns am Anfang aus Schleswig-Holstein heraus unterstützte. Auch die grünen KollegInnen aus Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Niedersachen, NRW und Bremen haben uns Rückenwind gegeben. Danke! Meinem Ministerbüro und dem Büroleiter, ja allen KollegInnen, die mit neugierigen Augen bei der Personalversammlung schauten, wer da kommt und dann sofort anpackten – bin ich einfach nur dankbar. Bis heute genieße ich jede Geburtstagsrunde mit den MitarbeiterInnen egal welcher Eingruppierung, unsere gemeinsamen Sommerfeste und Weihnachtsbegegnungen im Haus – weil sie das Rückgrat unserer Umweltpolitik im grünen Herzen sind. Das Haus mag äußerlich starr und abweisend wirken, das Innenleben ist das genaue Gegenteil. Das macht das Entscheiden leicht!

Meine jüngste Tochter stellte mich einst einer ihrer Freundinnen als „Umwälzministerin“ vor. Manchmal kam es mir tatsächlich so vor. Ich bin froh, dass so viele, ob bei Bündnis 90/Die Grünen, SPD oder Linken, mit ‚wälzen‘. Für unser Land. Mit Zuversicht.

Und ausgerechnet einen Tag vor dem 4-Jährigem gelang uns der Beschluss zur Flächenkulisse Waldwildnis endgültig. Dass Buchen bis zu 400 Jahre alt werden können und Eichen bis zu 800 Jahre, das ermöglichen wir nun auf 5 Prozent der Waldfläche des Landes, die insgesamt eine halbe Million Hektar umfasst. Zu Recht spricht man über uns vom grünen Herzen, in dem nun endlich an vielen Stellen die Säge ruht und die Wildkatze ungestört schleichen kann. Beethoven würde rufen: „Im Walde entzücken!“ Damit das so bleibt, geht es morgen einfach weiter. Wie am ersten Tag: Laut und klar und deutlich.