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Wir haben es satt!

Mehr als 1500 Menschen gingen in Erfurt bei „Wir haben es satt“ für eine natur- und klimagerechte Landwirtschaft auf die Straße.

Unsere Demokratie ist niemals „fertig“ – Gastbeitrag im Tagesspiegel

Als Brandenburg und Sachsen gewählt hatten, gab es danach Verurteilungen, weil die blauen Flecken auf der Landkarte immer stärker eine zerrissene Republik dokumentieren. Der Osten sei demokratiemüde, lautete die gängige Erklärung. Stimmt sie? Karte und Gebiet, Urteil und Abgesang? Mich schmerzt das.

Es gibt diese Sehnsucht nach Vereinfachung in unserer komplexen Welt, und jeden Tag sind wir alle gefordert, dieser Versuchung zu widerstehen. Wir müssen aufhören so zu tun, als gäbe es für alles und jedes eine einfache Erklärung. Das beginnt bei unserer Sprache. Den einen Osten gibt es nicht. Die fünf Länder sind so vielfältig wie ihre Namen. In Weimar steht die Wiege des Bauhauses, in Dessau erblühte die Ideenschule erneut, um dann durch die Nazis in Berlin zerschmettert zu werden. Wo waren jetzt noch mal Weimar und wo Dessau? Genau.

Es gibt den gemeinsamen Ausgangspunkt Osten. Er steht für: die brachiale und jahrzehntelange Teilung eines Landes. Die Erwartungen tausender Menschen, die in Unfreiheit lebten und sich anstrengten, trotz der Widrigkeiten des Systems ein gutes Leben zu führen, friedlich demonstrierten und so Freiheit mutig erkämpften. Ihre Wege, Erfolge und ihr Scheitern. Ihr Einlassen auf einen Systemwechsel und die Geschichte der alten Bundesrepublik. Der riesige Veränderungsdruck, das Implodieren alter Gewohnheiten und die Kraftanstrengung neuer Möglichkeiten.

Also drängen neue Fragen des Perspektivwechsels auf: Was wissen wir wirklich übereinander, was wissen Sie über die Geschichte der DDR? Haben wir uns gegenseitig kennengelernt in diesen 30 Jahren – oder ist nicht noch etwas offen?

Ich könnte manchmal verzweifeln an der Sprechmüdigkeit, der gegenseitigen Interesselosigkeit, die so viel weniger thematisiert wird als die angebliche Demokratiemüdigkeit im Osten. Die so auch nicht stimmt, ich wiederhole mich da gern. Auch bei mir in Thüringen stimmt in Umfragen die überwiegende Mehrheit der Aussage zu, dass die Demokratie „die beste aller Staatsideen“ ist. Weniger Zustimmung gibt es bei der Zufriedenheit mit der Demokratie in der erlebten Praxis. Ist das irgendwo anders?

Demokratiezufriedenheit ist nichts, was mit Geld gekauft wird oder mit Wirtschaftsstatistiken gemessen werden kann. Sozioökonomisch betrachtet geht es den Menschen in Gelsenkirchen heute schlechter, als jenen in Leipzig. Müsste dann nicht vom sozialen Gefälle in unserer Republik eher die Rede sein, als vom abrutschenden „Osten“?

Nachdem nun in unzähligen Artikeln aus Büros in Hamburg, Hessen oder Bayern über den Osten geschrieben wurden, samt ökonomischer und gesellschaftspolitischer Argumente, gibt es die längst überfällige Debatte, wo unsere Demokratie stark und wo sie verwundbar ist, ja wer sich abgeschrieben fühlt.

Jetzt ist landauf landab der Zeitpunkt, raus aus der Komfortzone zu kommen und sich um unsere gemeinsame Zukunft zu bemühen. Denn der Transformationsprozess der Wirtschaft und eine Garantie für kommunale Daseinsvorsorge im ländlichen Raum sind keine Frage von Ost oder West, sondern im ganzen Land eine gemeinsame Herausforderung.

Richtig ist: Bei mir in Thüringen ist die Arbeitslosigkeit heute unter 5 Prozent und das Einkommensniveau deutlich gestiegen. Wir sind die erfolgreiche Transformationsregion, die andere nach Kohleausstieg und Dekarbonisierung gerne wären. Während sich die ganze Republik den Kopf zerbricht, was aus den 20000 Kohlekumpeln werden soll, sind wir bei über 60000 Beschäftigten alleine in der Umweltwirtschaft zukunftsfähig aufgestellt. Aber, gutes Leben braucht mehr. Wir sollten mehr über unsere Erfolge reden und auch über folgende 4 Lehren:

1. Unsere Demokratie ist niemals „fertig“, sie muss jeden Tag neu errungen werden. Überall. Die friedliche Revolution war kein Geschenk, sondern hart errungen. Und unsere freiheitlich demokratische Grundordnung erfährt erst durchs Zuhören und Mitmachen ihre Stärke. Klare Kante gegen die Demokratiefeinde gehört dazu. Die Kraft der Unteilbar-Demonstration in Dresden eine Woche vor der Sachsen-Wahl war unbeschreiblich. Sich mit Herz und voller Überzeugung gegen die Ewiggestrigen und Demokratiefeinde zu stellen und für unsere Freiheit zu kämpfen, ist unser aller Aufgabe.

2. Ja, es besteht weniger Vertrauen in staatliche Vorsorge, Sozialbindungen werden brüchiger. Das findet seinen Ausdruck auch in radikaleren politischen Ansichten. Tatsächlich verbuchen rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien überdurchschnittliche Stimmenanteile in jenen Regionen, in denen Wirtschaftskraft und Einkommensniveau eher niedrig sind, wo Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge immer stärker in Frage stehen. Deshalb braucht es heute mehr und nicht weniger Investitionen. Unser Ziel müssen republikweit gleichwertige Lebensverhältnisse sein. Lebenswerte Regionen kennen keine Versorgungsprobleme wie fehlende Internetanschlüsse, mangelnden Zugang zur Gesundheitsversorgung oder Haushaltssperren. Die Zukunft beginnt jetzt und zwar mit klugen Investitionen – unterstützt durch den Bund.

3. Es gibt Erfahrungen des Abgehängtseins und des Verlusts von Lebensqualität, weil in kleinen Dörfern der Bus nicht mehr hält, der Dorfladen geschlossen ist und die Jüngeren weitergezogen sind. Es gibt aber auch ermutigende Gegenbeispiele. Die Dörfer, die Städte, die Landkreise sind Keimzellen der Demokratie. Ihre Zukunft entscheidet sich vor allem durch die Arbeit der Kommunen und das Mitwirken ihrer Bürgerinnen und Bürger. Es gilt, vor Ort Ansätze zu entwickeln, um Rechtspopulismus und der Hoheit einfacher Antworten über unsere komplexe Welt an den Stammtischen entschieden zu begegnen. Wichtiger denn je sind dabei intakte öffentliche Räume und Institutionen, in denen man sich um die Zukunft austauschen und streiten kann, in denen man gemeinsam nach Lösungen sucht.

4. Lernen wir von den Transformationserfahrungen in Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern! Die dortige Generation 40+ erlebt den permanenten Veränderungsdruck besonders geballt:  Arbeitswelt, soziale Beziehungen, Identifikation und sozioökonomische Verhältnisse veränderten sich in einem rasanten Tempo. Die kommenden Transformationsprozesse der Digitalisierung, der Dekarbonisierung unserer Wirtschaft und der Veränderung unserer Arbeitswelt halten die Gesellschaft darüber hinaus weiter in Bewegung.

5. Zur Erinnerung an die überwundene Teilung reicht nicht allein eine Wippe in Berlin. Das größte Friedensprojekt ist Europa. Und die alte Teilung noch erlebbar entlang der ehemaligen Grenze. Der Todesstreifen von damals ist heute grüne Lebenslinie. Als Nationales Naturmonument, nicht nur in Thüringen sondern ganz Deutschland wäre das Grüne Band als gemeinsamer Erfahrungsort für gestern und heute angemessen geschützt.

 – Der Gastbeitrag wurde am 30. September 2019 im Tagesspiegel veröffentlicht. –

Interview im Magazin der Grünen: „Thüringen ist das grüne Herz mitten in der Republik“

Thüringen, Deutschlands Grünes Herz“ – prima Slogan?

Anja: Der im Jenaer Theaterhaus groß gewordene Rainald Grebe singt: „Seit wann sind Herzen grü-ü-ün?“ in seiner Thüringen-Hymne. Mutet beim ersten Hören komisch an. Stimmt aber. Thüringen ist das grüne Herz mitten in der Republik.

Unser Plan für Thüringen:

Dirk: Mehr Klimaschutz und Demokratie. Wir werden mit unserem 2-Euro-Ticket den Nahverkehr attraktiver machen. Wir wollen die Zivilgesellschaft im Kampf gegen Rechts sowie die Gleichstellung durch paritätisch besetzte Parlamente stärken.

Anja: Flächendeckende Bus- und Bahnanbindung im Stundentakt, damit man besser ins ganze Land kommt. Wir zeigen, wie die ökologische Transformation der Wirtschaft geht. Und in Weimar drängen immer mehr Studierende an die Bauhaus-Uni, weil hier Kunst und Klassik die Moderne treffen.

Das haben wir schon erreicht:

Anja: Klimaschutz ist Gesetz. Das „Grüne Band“ ist Nationales Naturmonument. Es gibt zwölf „Natura 2000“-Stationen, die unsere Naturschätze pflegen und bewahren. Wir sind spitze beim Ausbau der Erneuerbaren und der Elektromobilität. Bei uns gibt es fünf Prozent Wildnis im Wald. Hart errungen, aber geschafft!

Da geht noch was:

Dirk: Mehr Zusammenhalt, um der Spaltung der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Gleiche Rechte für Frauen, Verantwortung für unsere Vergangenheit, Stärkung des Rechtsstaats und nicht zuzulassen, dass sich das Recht des Stärkeren durchsetzt.

Anja: Wir brauchen einen klugen Umgang mit unseren Ressourcen, eine nachhaltige Landwirtschaft und mehr Tierwohl. Mit der Natur und dem Klima lässt sich nicht verhandeln.

Dafür schlägt mein Herz:

Dirk: Meine Familie, Fairness, ein selbstbestimmtes Leben. Und immer mal ein schönes Lagerfeuer.

Anja: Die freie Kulturszene in Jena. Jetzt gerade haben sie es geschafft, mit einem Crowdfunding-Projekt aus dem alten Schlachthof eine neue Kulturbaustelle zu machen.

Thüringens größte Herausforderung?

Dirk: Wir müssen unseren Wald stark machen als Sauerstoffspender, Wasserspeicher, CO2– und Temperatursenke. Klimaschutz wird ohne gute Angebote im Verkehrsbereich nicht gelingen. Wir können nun mehr für eine CO2-freie Energieerzeugung tun und müssen auch in der Landwirtschaft schnell handeln.

Darüber lache ich:

Dirk: Über einen guten Witz, der uns aus den ernsthaften Debatten reißt.

Anja: Den neuen Tarantino-Film.

Das lässt mich hoffen:

Anja: In Freiheit leben zu können und in unserer Demokratie. Meine Kinder und unsere Familie. Fridays for Future. Oder die Kraft der Unteilbar-Demos wie in Dresden Ende August.

Dirk: Die vielen Menschen, die sich im Kleinen und im Großen engagieren, gerade dort, wo der demografische Wandel schon deutlich zu spüren ist – da ist oft so eine Kraft.

Das ärgert die Thüringer*innen:

Dirk: Künstlich herbeigeredete Konflikte zwischen Stadt und Land. Entscheidend sind gute Bedingungen für das Zusammenleben der Generationen, egal ob auf dem Land oder in der Stadt.

Anja: Lohnungleichheit nervt. Da gibt es noch ganz schön einen Weg zu gehen.

Altenburger Käse oder Schmöllner Mutzbraten?

Anja: Beides lecker. Guter Käse toppt alles.

Dirk: Eher Bratwurst, Kloß und Kartoffelpuffer.

Das schätze ich an Dirk:

Anja: Dirk kennt dieses Land und die Thüringer*innen wie kaum jemand sonst. Er weiß, wie man grüne Politik umsetzt und dabei die Menschen und Akteur*innen mitnimmt.

Das kann Anja besonders gut:

Dirk: Anja kann begeistern und hat es geschafft, grünen Themen eine starke Stimme zu geben.

Dein Lieblingslied?

Dirk: Die Ärzte – „Deine Schuld“

Anja: U2 – „ONE“

Was zeigt ihr eurem Besuch?

Anja: Die Saale vom Paddelboot aus, die Klassik- und Bauhaus-Stadt Weimar zu Fuß und den Thüringer Wald mit Rucksack.

Dirk: In Erfurt Domplatz, Synagoge und Krämerbrücke. Mit Freunden den Schneekopf besteigen und in die „Neue Gehlberger Hütte“ einkehren.

Bauhaus, Weimarer Klassik: Ist Understatement typisch Thüringisch?

Anja: Na klar. Wenn zum Bauhaus jetzt noch mehr die Bauhaus-Frauen in den Fokus rücken, umso besser. Gropius wollte die Frauen auf die Weberei reduzieren. Genau diese Frauen haben dem Bauhaus erst Innovationskraft gegeben.

Kaffee oder Tee:

Dirk: Kaffee. Und jeden Tag zu viel davon – ich kann es nicht lassen.

Stadt oder Land:

Anja: Stadt UND Land. Wer in Thüringen die wunderbare Rhön nicht kennt, war nie hier.

Unser Wahlziel:

Anja: Das stärkste grüne Ergebnis ever und dann weiter machen mit Linke und SPD, einem progressiven Bündnis, das das Land modernisieren kann.

Dirk: Denn nur mit uns gibt es Klimaschutz und eine klare Haltung für Demokratie und gegen die Spaltung der Gesellschaft.

Diese (persönliche) Grenze würde ich gern überwinden:

Dirk: Eine Sprechrolle in einem Weimarer Tatort haben.

Anja: Rennsteiglauf schaffen.

Ein Goethe-Zitat zum Schluss?

Dirk: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“

Anja: Für die Bundesregierung als Ermutigung für echten Klimaschutz: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich endlich Taten sehen.“

Anja Siegesmund (*1977 in Gera) hat Politikwissenschaft, Germanistik und Psychologie in Jena und Baton Rouge (USA) studiert. Sie ist seit 2009 Mitglied des Thüringer Landtags, war bis 2014 Fraktionsvorsitzende und ist seit Ende 2014 Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz. Anja Siegesmund ist verheiratet und hat drei Kinder.

Dirk Adams (*1968 in Groß Schönebeck) ist gelernter Ofensetzer und Gas-Wasser-Installateur, hat einen Bachelorabschluss in Staatswissenschaften und ist Diplomingenieur (FH). Von 2004 bis 2009 war er Stadtrat und von 2006 bis 2012 Kreisvorsitzender in Erfurt. Seit 2009 ist Dirk Adams Mitglied des Thüringer Landtags und seit Ende 2014 Fraktionsvorsitzender.

Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau

Vom Todesstreifen zur Lebenslinie. Das Grüne Band Deutschland steht für die Geschichte eines geteilten Europas. Zugleich steht es für die europäische Friedensidee.

In diesen Tagen des Gedenkens an 30 Jahre Friedliche Revolution gibt es viele gute und passende Orte der Erinnerung. Mein Lieblingsort ist 1400 Kilometer lang: Das Grüne Band Deutschland, das seit 30 Jahren für eine einzigartige Verbindung von Erinnerungskultur und Naturreichtum steht. Der ehemalige Todesstreifen wurde zur Lebenslinie.

Immer wieder bin ich entlang des Grünen Bandes unterwegs – zu Fuß, mit dem Rad oder Schlauchboot. Ich komme mit Menschen aus der Region ins Gespräch und zusammen bestaunen wir, was für eine Naturvielfalt im Schatten der Grenze entwickelt hat: Am Harzer Grenzweg, im Schiefergebirge und Frankenwald, in der hügeligen Landschaft der Rhön, entlang der Werra und ihrer Auenlandschaften, der Saale, dem Erinnerungsort West-Östliches Tor, das 2002 noch von Michail Gorbatschow eingeweiht wurde. Unterwegs werden immer wieder Reste der Grenzbefestigungsanlagen sichtbar. Hier  wird Geschichte lebendig. Von 1954 stammt die DDR-Anordnung zur Einrichtung eines „Sperrgebiets“ entlang der Grenze. So entstand dann eine vorgelagerte 5-Kilometer-Sperrzone, gefolgt von 500 Meter breiten Schutzstreifen und dem Kontrollstreifen unmittelbar vor dem Grenzzaun. Hinter dem Grenzzaun  bis zur eigentlichen Grenzlinie: ein Niemandsland. Und genau hier können wir jetzt unterwegs sein. Zu den besonders geschützten Arten, die hier zuhause sind zählen Fischotter und Gelbbauchunke, Schwarzstorch und Blaukehlchen, Schmetterlinge wie der Wiesenknopf-Ameisenbläuling.

Thüringen hat den größten Anteil am Grünen Band Deutschlands: 763 Kilometer, die wir im vergangenen Jahr als Landesregierung unter Schutz gestellt haben als Nationales Naturmonument. Heute ist jede der Begegnungen am Grünen Band mit einem Blick zurück und einem Blick nach vorn verbunden. Das ist eigentlich das, was unsere Gesellschaft in diesen Tagen umso mehr bracht. Mario Goldstein, ein Filmemacher und Abenteurer hat hier zu Fuß seine eigene frühere Fluchtgeschichte verarbeitet und ist die 763 Kilometer in 53 Tagen abgewandert. Das geht also auch. Er – der schon viel in der Welt unterwegs war –  hat dazu gesagt: Das war eines meiner emotionalsten Abenteuer. Es muss nicht das ganze Band sein, aber man kann auch kleinere Etappen des Grünen Bandes als Pilgerreise nutzen. Mittlerweile hat er seine Wanderungen entlang des Grünen Bandes in ganz Deutschland fortgesetzt. Ein gebürtiger Coburger, der sich später bei der Stiftung Naturschutz Thüringen engagierte,  sagte mir:  „Die Grenze war für mich eine fürchterliche Unmenschlichkeit – aber auch ein Naturraum. Als ich 1989 zum ersten Mal am Kolonnenweg war, ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen. Hier entsteht etwas Einmaliges.“  So geht es hier vielen. Ein ehemaliger Bürgermeister, der das Grenzlandmuseum Teistungen mit aufgebaut hat, erzählte: „Nach der Wende haben wir uns gefragt, was hier werden soll. Viele wollten die Symbole der Unterdrückung nicht mehr sehen. Wir fanden: Die Menschen, die nach uns kommen, dürfen nicht vor einem leeren Feld stehen. Sie sollen erfahren können, was damals geschehen ist. Wir müssen also die Chancen bewahren, sich auch später noch mit dieser Geschichte beschäftigen zu können.“

Das Grüne Band steht für die Geschichte eines geteilten Europas. Zugleich steht es wie kein anderes als Synonym für die europäische Friedensidee: Wir haben die Teilung hinter uns gelassen. Ich finde: Drei Jahrzehnte nach der Überwindung von Mauer und Grenzen ist es nun endlich an der Zeit, aus dem Grünen Band einen bundesweiten Erinnerungsort zu machen. Alle beteiligten Bundesländer sollten dafür ein Nationales Naturmonument ausweisen. Sachsen-Anhalt ist nach Thüringen bereits kurz vor dieser Entscheidung.

Wanderungen zwischen den Grenzlandmuseen durch ehemalige Sperrgebiete schärfen den Blick für Natur und Geschichte. Für uns alle, aber gerade auch für junge Menschen wird diese Erfahrung immer wertvoller, je weiter die deutsch-deutsche Teilung zurückliegt. Wir sprechen von einem einzigartigen ökologischen Denkmal deutscher Geschichte, das naturtouristisch einiges zu bieten hat und als Ganzes Anerkennung und Schutz verdient. Deshalb ist auch eine Nominierung als Welterbe geeignet. Die lückenlose Ausweisung eines Nationalen Naturmonuments am Grünen Band in allen betroffenen Bundesländern Deutschlands, wäre dafür ein wichtiges Zeichen mit europäischer Wirkung.

Thüringen hat den Anfang gemacht. Jetzt ist es an der Zeit, dass in Berlin der Blick dafür geschärft wird, was wir in der Mitte der Republik für einen charismatischen Ort  für Erinnerung, Versöhnung und Naturgenuss haben. Das ist das echte Denkmal 30 Jahre nach der friedlichen Revolution. Keine Wippe, keine Inschrift – die grüne Brücke mitten in Europa selbst.

 – Der Gastbeitrag wurde am 26. September 2019 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht. –

Jena ruft als erste Stadt Thüringens den Klimanotstand aus

Siegesmund: „In Thüringen ist Klimaschutz Gesetz. In Jena ist Klimaschutz jetzt handlungsleitend für jede politische Entscheidung“

Auf der gestrigen Stadtratssitzung in Jena wurde der Antrag der bündnisgrünen Stadtratsfraktion mit Mehrheit angenommen, den Klimanotstand für die Stadt auszurufen. Dazu erklärt Anja Siegesmund, Spitzenkandidatin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen und Stadträtin in Jena:

„Unser kraftvoller Aufschlag, das Thema Klimaschutz in den Mittelpunkt politischer Entscheidungen zu rücken, hat sich gelohnt. Jena hat nun als erste Stadt in Thüringen den Klimanotstand beschlossen. Künftig werden alle politischen Entscheidungen an der Klimafrage gemessen werden. Politik und Bevölkerung bündeln ihre Kräfte für gemeinsame und entschlossene Anstrengungen zum Klimaschutz. Das betrifft die Verwaltung: Wer ein Stadtquartier neu entwickelt, muss es unter der Maßgabe von Stadthitze oder Starkregen planen. Dazu gehört der Blick auf Stadtbäume als wertvolle Schattenspender ebenso, wie das Begrünen von Stadtdächern. Hierfür gibt es Förderprogramme des Landes, die jede Kommune nutzen kann. Das betrifft die Nahverkehrsbetriebe, wenn es um künftige Mobilitätskonzepte geht. Aachen, Bielefeld, Bochum, Bonn, Düsseldorf, Erlangen, Gelsenkirchen, Greifswald, Heidelberg, Kiel, Köln, Konstanz, Lübeck, Marburg, Münster, Saarbrücken und Wiesbaden und nun Jena. Das ist Klimaschutz auf allen Ebenen. Auch für die Aktiven von Fridays for Future ist diese hart errungene Entscheidung im Stadtrat ein großer Erfolg. Zukunftspolitik braucht auch diese starken Stimmen.“

Zu den Anträgen:
https://gruene-jena.de/userspace/TH/kv_jena/Stadtrat/2019/04.09.2019/Antrag_Klimanotstand.pdf
https://gruene-jena.de/userspace/TH/kv_jena/Stadtrat/2019/04.09.2019/Beschlussvorlage_Stadtrat_Fraktionen_-2_Klimakrise.pdf

Präsentation der Kampagne zur Landtagswahl

In Erfurt haben die beiden bündnisgrünen Spitzenkandidat*innen Anja Siegesmund und Dirk Adams die grüne Kampagne zur Landtagswahl vorgestellt: Für Klimaschutz und Demokratie.

Freies Wort Interview: Die belohnen, die das Klima schonen

Plötzlich entdecken alle Parteien das Thema Klimaschutz und räubern damit im Revier der Grünen. Das findet Thüringens Umweltministerin und Grünen-Spitzenkandidatin Anja Siegesmund aber gar nicht schlimm, wie sie im Interview erklärt. So lange es der Sache diene. Sie fordert aber auch, dass die, die nun über Klimaschutz reden, nun auch liefern müssen und fordert Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf, der Initiative der Grünen im Bundesrat zur Verankerung des Klimaschutzes im Grundgesetz zuzustimmen. Schließlich bleibe keine Zeit mehr, darüber zu reden, endlich etwas zu tun, sondern für Taten. Für Thüringen sieht sie als eines der wichtigsten Ziele für eine Verkehrswende einen flächendeckenden Verkehrsverbund und geringere Ticketpreise.

Frau Siegesmund, machen Sie sich Sorgen um die Grünen? Immerhin fängt inzwischen sogar Bayerns Ministerpräsident Markus Söder an, Bäume zu umarmen, und sein CSU-Freund Alexander Dobrindt hat sein Herz für eine CO2-Steuer entdeckt.

Ich finde das genauso interessant wie Sie. Alle wollen auf einmal ein bisschen grün sein. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Klimakrise wirklich ernst ist. Das sieht man, wenn man in den heimischen Wäldern unterwegs ist und die sterbenden Bäume betrachtet. Was ich auf meiner Sommertour in den letzten Tagen im Wald gesehen habe, das tut weh – deshalb habe ich den Aktionsplan für den Wald vorgelegt. Dass es ernst ist mit der Klimakrise hört man, wenn man mit Unternehmern redet, die sich Sorgen darum machen, dass der niedrige Pegel in den Flüssen ihr Geschäft beeinträchtigt. Und das merkt man auch im Gespräch mit älteren Menschen, die erzählen, wie sehr ihnen der Hitzesommer gesundheitlich zusetzt. Nun könnte Herr Söder ja mal liefern und meiner Initiative im Bundesrat für Klimaschutz im Grundgesetz zustimmen.

Aber mal politisch gedacht: Es muss Sie doch sorgen, dass da andere Parteien das Thema der Grünen schlechthin kapern?

Wenn ich mir aktuelle Umfragen angucke, dann habe ich da keine Sorgen. Wenn 37 Prozent der Menschen im Thüringentrend sagen, sie trauen uns Grünen am ehesten zu, Antworten auf die Frage zu finden, wie wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen, dann sehe ich nicht, dass andere uns diese Kernkompetenz streitig machen. Im Gegenteil. Politisch gibt uns das Rückenwind. Und ich freue mich im Interesse der Sache immer, wenn unsere Ideen aufgegriffen werden. Wir hatten jüngst den Erdüberlastungstag – also jenen Tag, an dem die Ressourcen der Erde aufgebraucht sind, die eigentlich für das gesamte laufende Jahr reichen müssten. Dieser Tag lag 2019 so früh wie noch nie zuvor in einem Jahr. Viel klarer kann man doch gar nicht machen, dass wir über unseren Verhältnissen leben, und dass wir jetzt was tun müssen.

Genau dieses „Wir müssen jetzt was tun!“ hört man seit Anfang der 1990er Jahre.

Klaus Töpfer hat damit begonnen…

Stimmt, der CDU-Politiker und ehemalige Bundesumweltminister und viele andere auch. Seit dem haben gefühlt 300 Weltklimakonferenzen stattgefunden. Aber noch immer ist seit damals so wenig passiert, dass die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg eine weltweite Klimabewegung inspiriert. Da stimmt doch was nicht.

Ich finde es richtig, dass die Jugendlichen auf die Straße gehen und konsequent Veränderungen einfordern. Es geht um ihre Zukunft. Wir brauchen eine Verkehrswende, eine Wärmewende und vor allem eins: eine ehrliche Bepreisung von Kohlendioxid. Ich meine, im Juni waren so viele Flugzeuge in der Luft wie nie zuvor in einem Monat. Die Kosten der Umweltverschmutzung, die wir alle zahlen, tauchen einfach nirgendwo auf. Es fehlen die Anreize für mehr Klimaschutz. Zum Beispiel durch den Verzicht auf die Mehrwertsteuer beim Bahnfahren oder das Zwei-Euro-Ticket für Thüringen. Wir könnten so diejenigen belohnen, die das Klima durch ihr nachhaltiges Verhalten schonen. Im Augenblick ist Bahnfahren ja teurer als Fliegen. Das ist schon schräg.

Sie spielen auf die Debatte um eine COz-Steuer in Deutschland an. Wie sollte eine solche Steuer aus Ihrer Sicht aussehen?

Wir müssen diejenigen belohnen, die das Klima durch ihr Verhalten schonen und diejenigen stärker an den Kosten beteiligen, die das Klima übermäßig schädigen. Wir haben beim Strom in den vergangenen Jahren riesige Fortschritte bei der Einsparung von Kohlendioxid gemacht. Dafür haben wir noch riesige Defizite bei der Wärme und der Mobilität. Da hat sich in fast drei Jahrzehnten nichts zum Positiven verändert. Beim Verkehr ist der CO2-Ausstoß in Thüringen in den vergangenen 15 Jahren sogar gestiegen. Was wir beim Strom gewonnen haben, haben wir über den Verkehr wieder verspielt. Das heißt wir brauchen eine CO2-Bepreisung für fossile Energieträger – und zwar sozial gerecht.

Wie wollen Sie eine C02-Steuer sozial gerecht machen?

Unser Modell eines Bürgerenergiegeldes sieht so aus: Jeder bekommt pro Kopf und Jahr 100 Euro und die Stromsteuer wird abgeschafft. Damit hätten die Menschen also auf der einen Seite erst einmal eine Entlastung. Gleichzeitig führen wir in Deutschland einen Preis von 40 Euro pro Tonne ausgestoßenem Kohlendioxid ein. Damit hat es jeder selbst in der Hand, ob er in Zukunft mehr oder weniger für Mobilität und Wärme zahlt als heute. Wer sich klimabewusst verhält, für den wird es günstiger. Und alle Einnahmen aus so einer C02-Steuer würden eins zu eins an die Bürger zurückfließen.

Aber mit so einem Modell würden Sie doch gerade Menschen im ländlichen Raum treffen; egal, ob sie nun arm oder reich sind. Dort sind die Menschen zum Beispiel auf ihr Auto angewiesen. Man kann von Hinternah nach Meiningen nicht so einfach mit dem Bus fahren wie in Jena von A nach B mit der Straßenbahn.

Ja, deshalb brauchen wir den Ausbau des Nahverkehrs. So etwas wie die sogenannte Edellinie zwischen Suhl und Hildburghausen, auf der einmal pro Stunde ein Bus zwischen beiden Städten fährt, muss es flächendeckend in Thüringen geben. Soll heißen: Wir brauchen eine Mobilitätsgarantie. Zudem müssen die Ticketpreise günstiger werden. Wenn Kinder in Jena mit der Straßenbahn fahren, dann bezahlen die dort einen höheren Ticketpreis als in München in der Zone A. Da ist doch was faul. Deshalb ist mein Ziel: Erwachsene zahlen zwei Euro pro Ticket pro Tag durch ganz Thüringen und Kinder einen Euro. Das ist sozial und umweltfreundlich. Man muss es nur wollen. Ich als Grüne kämpfe hierfür.

Aber da beschreiben Sie doch das große Klima-Dilemma. Sie reden selbst davon, dass man diesen Ausbau des Nahverkehrs brauchte und dass die Ticketpreise sinken müssten. Was die Schüler von „Fridays for Future“ wollen ist doch aber, dass genau das endlich passiert – und nicht nur drüber geredet wird. Gleichzeitig hat Rot-Rot-Grün gerade selbst erfahren, wie schwer sich der Nahverkehr in Thüringen verbessern lässt: Es gibt noch immer keinen landesweiten Verkehrsverbund. Wenn wir also bald in Deutschland eine C02-Steuer einführen, werden viele Menschen wegen der mangelnden Infrastruktur gar nicht in der Lage sein, sich klimaschonend zu verhalten und draufzahlen müssen.

Deshalb müssen wir die Infrastruktur schaffen, das ist ja klar. Ich will mich dafür jedenfalls starkmachen, dass jede und jeder günstig und umweltschonend von A nach B mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann, wenn sie oder er das möchte. Ich halte deshalb nichts davon, den Leuten vorzuschreiben, dass sie weniger fliegen oder weniger Fleisch essen sollen. Das sind Entscheidungen des Einzelnen. Nur mit großen politischen Würfen sind die Ziele von Paris, also die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal zwei Grad, noch umsetzbar. Uns läuft die Zeit davon. Jetzt müssen der Ausstieg aus der Kohle und ein Bundesklimagesetz kommen.

Wie bekommen Sie also demnächst einen landesweiten Verkehrsverbund in Thüringen hin?

Wir machen eine zweijährige Übergangszeit, in der Thüringer Verkehrsunternehmen, die heute noch nicht Mitglied im Verkehrsverbund Mittelthüringen sind, sich diesem Verbund anschließen können. Wer es nach dieser Übergangszeit noch nicht getan hat, bekommt keine Fördermittel vom Land mehr. Sie werden sehen, wie schnell aus dem Verkehrsverbund Mittelthüringen dann ein landesweiter Verkehrsverbund wird. Das ist nicht nur ein legitimer, das ist auch ein vernünftiger Weg, um das Angebot im Bus- und Bahnverkehr zu verbessern und damit wirksamen Klimaschutz zu betreiben. Mein Ziel für die nächste Legislaturperiode ist ein landesweiter Verkehrsverbund.

Brauchen wir auch heute wieder mehr Verbote, um das Klima zu schützen – damit die Menschen eben nicht nur darüber reden, wie schlecht zum Beispiel Kurzstreckenflüge sind, sondern sie auch wirklich sein lassen?

Bleiben wir mal genau bei diesem Beispiel Inlandsflüge. Das Ziel ist, solche Flüge überflüssig zu machen. Wie kommen wir da hin? Die Bahn muss öfter kommen, pünktlich sein und günstiger werden. Das ginge durch den Verzicht oder die deutliche Reduktion der Mehrwertsteuer, einem Programm für mehr Investitionen auf der Schiene, damit die seit 1990 auch in Thüringen über 500 weggefallenen Bahnkilometer wieder in Betrieb genommen werden, und einen S-Bahn Takt in Pendlerregionen. Man muss es nur wollen.

In den 1990er Jahren hat die Politik das FCKW verboten. Da bestreitet heute keiner, dass das eine umweltpolitisch kluge Entscheidung war. Wo ist jetzt das Problem mit Verboten im Sinne des Klimaschutzes? Denn viele Menschen verhalten sich ja immer noch ziemlich klimaschädlich, obwohl sie genau wissen, was sie da tun.


In den 90er Jahren, als FCKW verboten wurde, war das eine dringend notwendige Entscheidung. Das Ozonloch wurde größer und größer. Aber darum geht es mir hier nicht. Ich will, dass Anreize zum Klimaschutz verbunden werden mit klaren Zielen. Wir kombinieren ja unser Klimagesetz auch mit Förderprogrammen für Wirtschaft, Kommunen Häuslebauer und Mieter.

Reden wir noch über die Landtagswahl. Sie sind Spitzenkandidatin der Grünen. Laut der jüngsten MDR-Umfrage wollen 24 Prozent der Wahlberechtigten in Thüringen die AfD wählen – eine Partei, für deren Positionen die Anhänger der Grünen unter allen demokratischen Parteien in Deutschland laut Wahlforschern am wenigsten anfällig sind. Werden Sie im Wahlkampf versuchen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die das Weltbild der AfD teilen?

Mit einem Herrn Höcke oder einem Herrn Möller werden wir nicht versuchen, in irgendwelche Gespräche zu kommen. Man muss sich das mal geben: Da kommt jemand, der im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst hat, und versucht unser Land zu spalten. Wir leben heute in Freiheit und in einer Demokratie. Was für ein Glück. Zwar gibt es viele Sorgen, die einen umtreiben. Die AfD bietet aber dafür keine einzige Lösung – sie sägt an den Grundfesten unserer Demokratie. Das lässt mich nicht kalt und das dürfen wir nicht zulassen. Aber wir reden ja nicht von der Thüringer AfD-Führungsriege, sondern von Menschen, die sie und ihren Kurs unterstützen. Man sieht den Menschen ja in der Regel nicht an, wo sie ihr Kreuz bei der Wahl machen. Ich gehe auf alle Menschen offen zu…

… und wenn Sie dann feststellen, dass Sie da einen strammen Höcke-Fan vor sich haben: Macht es dann noch Sinn, mit dem zu reden?

Na klar macht das Sinn. Ich kann doch nicht 24 Prozent der Thüringer abschreiben. Wir leben in einem wunderbaren Land. Nie war die Arbeitslosigkeit geringer, der Wohlstand höher. Das muss aber bei allen ankommen. Ich will so viele Menschen wie möglich davon überzeugen, dass ihre Stimme zählt, dass es auf jede Stimme ankommt, dass es um die Zukunft dieses Landes geht.

Die Umfragen zeigen seit Langem, dass es nach der Landtagswahl wahrscheinlich eine extrem schwierige Regierungsbildung geben wird. Was wäre Ihnen lieber: Eine Vierer-Koalition, in der Grüne und FDP vertreten sind, oder eine Minderheitsregierung?

Unser erstes Wahlziel ist, dass wir als Grüne zweistellig werden. Deshalb führen wir einen eigenständigen Wahlkampf. Unser zweites Wahlziel ist, die rot-rot-grüne Regierungskoalition fortzusetzen. So weit sind wir in den Umfragen davon nicht entfernt, da fehlt nur ein bisschen was.

Wie seit Jahren in den Umfragen für Rot-Rot-Grün „ein bisschen was“ für eine eigene Mehrheit fehlt.

Umfragen sind Umfragen, Wahlergebnisse sind Wahlergebnisse.

Und wenn es nicht reicht für eine Neuauflage von Rot-Rot- Grün?

Plan A steht. Dafür kämpfen wir. Es kommt auf jede Stimme an.

– Das Interview wurde am 7. August 2019 in der Zeitung Freies Wort veröffentlicht –

10-Punkte-Aktionsplan für einen gesunden und resilienten Wald in Thüringen angesichts der Klimakrise

Der Zustand unseres Waldes ist besorgniserregend. Die Klimakrise spitzt sich weiter zu und darunter leiden unsere Wälder. Je heißer die Sommer werden und je weniger es regnet, desto höher ist die Gefahr von Waldbränden. Schädlinge können sich extrem schnell ausbreiten und vernichten ganze Waldareale. Das „Immunsystem unserer Wälder“ ist durch die Klimakrise dauerhaft geschwächt. Die Lage ist ernst und die Zeit drängt: eine neue, klimagerechte Waldpolitik und eine naturnahe Waldbewirtschaftung sind dringend nötig.

Der Wald hat für uns viele Funktionen: Für uns alle ist er Erholungs- und Sehnsuchtsort. Im ländlichen Raum ist er ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Er ist ein wichtiger Naturraum und Ökosystem mit der höchsten Artenvielfalt in Europa. An erster Stelle steht aber eines: Eine intakte Natur ist unsere Lebensgrundlage und der Wald unser wichtigster Klimaschützer! Ohne die Speicherung von Kohlenstoff in Wäldern und die Substitutionsleistung durch die Verwendung von Holzprodukten wären gegenwärtig die Treibhausgas-Emissionen (THG) in Deutschland um mehr als 14 % höher, als aktuell kalkuliert.

Laut Weltklimarat (IPCC) müssen für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad sowohl die klimaschädlichen THG-Emissionen begrenzt werden – etwa in den Bereichen Energie und Transport – als auch bis zum Jahr 2050 rund eine Milliarde Hektar Land neu mit Bäumen bepflanzt werden. Heute ist die Erde mit 5,5 Milliarden Hektar Wald bedeckt. Es wird deshalb Jahrzehnte dauern, bis diese Maßnahmen ihre volle Wirkung entfalten können. Daher braucht es parallel endlich einen Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter und eine ehrliche Bepreisung von CO2-Emissionen. Das bedeutet eine immense Herausforderung für Thüringen. Mehr als ein Drittel der Landesfläche Thüringen ist mit Wald bedeckt. Der Erhalt und die Entwicklung dieser einzigartigen Landschaft bedeutet eine große gemeinsame Kraftanstrengung. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, können erst in Jahrzehnten ihre Wirkung vollumfänglich entfalten. Jetzt allein die Aufforstung zu diskutieren, greift zu kurz. Es geht auch nicht nur darum, den Wald „umzubauen“, sondern den Gedanken von Hans Carl von Carlowitz aus dem Jahr 1713 wiederzubeleben, neben konsequenter Aufforstung sich vom Prinzip einer „nachhaltenden Nutzung“ leiten zu lassen.

Unsere Wälder sind ein perfektes System um unsere Bedürfnisse zu decken, solange wir sie gut bewirtschaften und unsere Bedürfnisse verhältnismäßig sind. Es geht heute mehr denn je darum, einen Wald zu erhalten und zu sichern, der auch nachfolgenden Generationen alles bietet, von A wie Artenvielfalt über E wie Erholung bis zu R wie dem Rohstoff Holz am besten aus heimischen Wäldern.

Im Thüringer Klimagesetz und in der Klimastrategie hat sich die Landesregierung zu einem ganzen Bündel an Maßnahmen für Klimaschutz und Klimaanpassung verständigt. Kurzfristig sind darüber hinaus jedoch mindestens die folgenden 10 Maßnahmen umzusetzen:

1. Klimaresistenter Wald ist vielfältig. 
Eine nachhaltige Wiederaufforstung der Waldschadensflächen wird nur mit einem klimastabilen Baumartenmix (insbesondere heimische Laubbaumarten) gelingen und muss – eigentumsübergreifend – durch den Bund finanziell unterstützt werden. Artenreiche Wälder mit verschiedenen Baumarten sind die beste Vorsorge gegen Schädlingsprobleme.


2. Das Zeitalter reiner Monokulturen auf bestehenden „Anbauflächen“ (Plantagenwald) muss ein Ende haben. 
Der Waldumbau von Monokulturen (aktuell noch 57% Nadelholz beim Baumartenanteil) zu einem klimastabilen Mischwald liegt in unserem elementaren Eigeninteresse und ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Bedeutung und Anerkennung jahrelang vernachlässigt wurde. Öffentliche Gelder für Waldbesitzer sind künftig daran zu koppeln, ob sie dieses Ziel verfolgen. Der Umbau von Monokulturen zu klimabeständigeren Mischwäldern mit Laubbäumen ist kostenintensiv. Daher müssen ausreichend öffentliche Mittel fließen, um Waldbesitzer für die nötige Überführung in stabile Wälder, deren Entwicklung und Gestaltung zu motivieren.


3. Nutzungsfreie Wälder – unsere Urwälder von morgen – dienen primär dem Schutz und dem Erhalt der biologischen Vielfalt. 
Die Urwälder von morgen sind in Thüringen auf 5 Prozent der Landesfläche gesichert und das wird auch so bleiben! Wir haben aus den schwierigen Debatten gelernt, dass wirtschaftliche Interessen bei jedem Hektar zählen. Der finanzielle Ausfall durch eine Nichtbewirtschaftung wird auf Landesebene durch das Thüringer Umweltministerium ausgeglichen. Wir fordern einen besser ausgestatteten Wildnisfonds auf Bundesebene, damit diese Flächen bundesweit gesichert werden können.


4. Alle genutzten Wälder müssen künftig ökologisch bewirtschaftet werden.
Klimaresiliente Wälder von morgen haben eine vielfältige Struktur: mit Bäumen unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Alters und mit nur so viel Wild, dass Bäume ohne Schutzmaßnahmen vor Verbiss nachwachsen können. Die Ernte im Wald sollte so gestalten werden, dass der Boden keinen Schaden nimmt. Statt mit schwerem Gerät tiefe Furchen und festgedrückten Boden zu hinterlassen, sollen bevorzugt bodenschonende Verfahren eigesetzt werden. Auch die Festlegung des zulässigen Holzeinschlags anhand von ökologischen Kriterien ist dringend notwendig.


5. Wir erhalten und erweitern bestehende Institutionen 
und stellen bei der erforderlichen Saatguternte und -aufbereitung zusätzlich, wenn nötig, eine bedarfsgerechte Einfuhr von Saatgut sicher. Trockenjahre wie 2018 können eine gute Blüte komplett ruinieren (Beispiel Weißtanne: kaum noch Altbestände vorhanden, also nur sehr wenige Erntemöglichkeiten, die Baumart blühte 2018 sehr stark, aber die Ernte 2018 war dann extrem schlecht).  Wenn wir hier nicht alle Möglichkeiten nutzen, die erforderlichen Erntemaßnahmen zu realisieren und zusätzlich bei Engpässen Saatgut einzukaufen, nehmen wir uns Chancen zum Waldumbau. Die landeseigene Baumschule ist notwendig, um eine schnelle Handlungsfähigkeit zu gewährleisten. Sie zu stärken und auszubauen ist ein notwendiger Schritt! Darüber hinaus ist die wissenschaftliche Forschung an den Thüringer Hochschulen zu Klimafolgen im Wald auszubauen.
Das Forstliche Forschungs- und Kompetenzzentrum von Thüringenforst ist als langjährige Landeseinrichtung für angewandte, praxisorientierte Waldforschung mit nunmehr 30 Jahren Erfahrung zu Forschung in den Wäldern Thüringens, Versuchsflächen zu verschiedenen Baumarten, das im Haus angesiedelte Waldschutzmeldewesen, Kooperationen zu anderen Versuchsanstalten und Forschungseinrichtungen oder der Expertise zu Klimawandel und Anpassung im Wald zu stärken.


6. Die öffentliche Hand muss Vorbild sein für den Kauf von gutem Holz. 
Staatswälder sollen nach FSC- oder Naturland-Richtlinien zertifiziert werden. Jede/r Käufer/in soll wissen, ob das Holz, das er kauft, aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt. Wir brauchen daher anspruchsvolle Standards für die Holzkennzeichnung. Die öffentliche Hand muss Vorbild sein für den Kauf von gutem Holz. Die Vorbildwirkung der öffentlichen Hand kann 2023 in Oberhof deutlich zu Tage treten. In Oberhof wird die Biathlon-WM 2023 statt finden. Dafür werden wieder erhebliche Um- und
Ausbaumaßnahmen verbunden sein, auch mit Waldverlust. Eine wirklich nachhaltige WM muss das ausgleichen, umso mehr in einer Region im Wald und zwar mit Wald und mit Holz! Hier sollte das klare Ziel gesetzt werden, alle Funktionsbauten, alles was für die WM erforderlich ist, von den Tribünen und Banden, wann immer es möglich ist, alles mit Holz, eine wirklich nachhaltige WM – Thüringen als Aushängeschild.


7. Voraussetzung für einen gesunden Wald sind ein gesunder Waldboden und ausreichend Wasser.
Mischwälder mit einem hohen Anteil an Laubholz und tief wurzelnden Nadelbaumarten können wesentlich besser und effizienter die Niederschläge und verfügbares Bodenwasser nutzen, als Fichten- oder Kiefernreinbestände, daher können sie in begrenztem Umfang auch Trockenperioden besser überstehen. Die vorhandenen Wasserspeicher müssen erhalten werden, um jeden kostbaren Tropfen Wasser zu sichern. Deshalb sollte der Einsatz schwerer Maschinen auf das Nötigste beschränkt werden und möglichst effektiv und bodenschonend erfolgen.


8. Auf Landesebene wird ein Klimafonds eingerichtet, der mit 100 Millionen Euro gefüllt wird. 
Daraus kann der Umbau zu klimastabilen Wäldern gefördert und in Notlagen wie bei Sturmschäden oder Borkenkäferkalamitäten geholfen werden. Aus ihm sollen Hilfen bei Notlagen z. B. nach Extremwetterereignissen bereitgestellt werden. Das Land Baden-Württemberg setzt einen solchen Fonds seit vielen Jahren erfolgreich ein.


9. Revitalisierung, Erhalt und besonderer Schutz der Thüringer Hoch- und Niedermoore.
Sie sind effektive Kohlenstoffspeicher und liefern einen immensen Beitrag zum Klimaschutz. Diese Maßnahmen müssen ausgebaut und intensiviert werden. Dazu bedarf es eines weiteren Landesprogramms.


10. Ein Runder Tisch „Wald“ der Landesregierung
Wissenschaft, Vereine, Verbände, alle forstwirtschaftlichen Akteure und Institutionen sollen sich dauerhaft mit Etappen der Umstellung auf eine naturnahe Waldbewirtschaftung befassen, sich dazu austauschen können und den Prozess begleiten. Stadtforste und Kommunen haben selbst eine hohe Verantwortung. Den Kommunen, die nach wie vor keine Baumschutzsatzungen haben, sei angesichts der Klimakrise dringend empfohlen, die Zukunft „ihres“ Stadtgrüns zu sichern. Bäume kühlen das Stadtklima und tragen damit in doppeltem Sinne zum Gemeinwohl bei.

Anja Siegesmund, 5. August 2019

„Das Thema P44 ist vom Tisch“

Anfang des Monats überraschten die Energieminister von Thüringen, Hessen, Bayern und des Bundes mit der Ankündigung, dass sie sich auf einen Vorschlag des Bundeswirtschaftsministers an die Bundesnetzagentur verständigt hätten, wie die Stromtrasse P44 von Altenfeld oder Schalkau nach Grafenrheinfeld in Bayern nicht gebaut werden muss. Im Gegenzug soll die Gleichstromtrasse Südost-Link entlang der Autobahn 9 eine höhere Übertragungskapazität bekommen. Doch nicht jeder in der Region ist überzeugt davon, dass ein weiterer Trassenneubau durch Südthüringen wirklich vom Tisch ist. Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund erklärt im Interview, warum sie trotzdem an den Vorschlag glaubt.

Frau Siegesmund, ist es wirklich eine gute Nachricht für Thüringen, dass die P44 nicht gebaut werden soll?
Selbstverständlich. Es ist uns im direkten Austausch endlich gelungen, einen der gordischen Knoten beim Thema Netzausbau zu zerschlagen. Wir können auf den Neubau einer Trasse verzichten, der sensible Naturraum Heldburger Unterland wird geschont und wir haben gezeigt, dass wir mit weniger Trassenneubauten das gleiche Ziel bei der Übertragungskapazität nach Süden erreichen können. Das sind gute Nachrichten.

Aber sind es nicht Nachrichten mit vielen Unbekannten?
Nein. Wir setzen uns als Minister auch gar nicht über das vorgesehene Verfahren hinweg. Aber wir haben einen Prüfauftrag an die Bundesnetzagentur formuliert. Ausgangspunkt war eine Arbeitsgrundlage aus dem Bundeswirtschaftsministerium, nach der die P44 nicht gebaut wird. Wir haben aus Thüringen heraus immer gesagt, dass die Thüringer Strombrücke unser entscheidender Beitrag zur Energiewende ist. Diese ist gebaut und hat seit dem 1.1.2016 595 Millionen Euro Redispatchkosten gespart. Deshalb habe ich mich auch für eine Wälzung, also Senkung, der Netzentgelte eingesetzt. Wir leisten schließlich einen großen Beitrag und diese Senkung kommt nun auch.

Aber die Einigung braucht den Segen der Bundesnetzagentur, einer Behörde, deren Arbeit Sie selbst in der Vergangenheit wiederholt kritisiert haben.
Das stimmt, weil die Bundesnetzagentur vor allem durch eines aufgefallen ist: die vornehmste aller Haltungen, die Zurückhaltung. Es kann nicht sein, dass so ein komplexes System wie unser Übertragungsnetz Diskussionsgegenstand unter Länderministern ist. Das ist eine Aufgabe des Bundes. Wir haben im Rahmen des Energieleitungsausbaugesetzes Aufgaben übertragen bekommen. Die haben wir mit der Strombrücke zu 100 Prozent erfüllt. Andere Bundesländer sind da längst nicht so weit. Trotzdem stand immer im Fokus, Thüringen komme seinen Verpflichtungen nicht nach, weil wir uns gegen den Bau der P44 wehren. Doch das ist schlicht falsch. Deshalb haben wir mit der Bundesnetzagentur gesprochen und deutlich gemacht, dass wir auf die vorgesehene Aufgabenteilung pochen. Und diese gleichmäßige Verteilung der Lasten ist Aufgabe der Netzagentur. Also soll sie ihr auch nachkommen.

Haben Sie denn auch schon mit den Netzbetreibern gesprochen? Sie sind es ja, die die Grundlagen für den Netzentwicklungsplan vorlegen. Und es war der Netzbetreiber 50 Hertz, der einen Bedarf für die P44 gesehen hat.
Und das Unternehmen hat große Bereitschaft signalisiert, die von uns vorgeschlagene Verstärkung des Südost-Links als Alternative zur P44 anzuerkennen.

Auf den ersten Blick erscheint Bayern der größte Profiteur Ihrer Einigung zu sein, weil den Bayern wieder gelungen ist, die Trassenverläufe im eigenen Land möglichst kurz zu halten?
Nein, es ging in unseren Gesprächen nicht darum, dass ein Land den Platz als Sieger verlässt, sondern darum, dass wir alle Verantwortung für die Energiewende tragen. Wir alle erkennen doch, dass die Klimakrise nicht nur an den Polkappen stattfindet, sondern wir mitten drin stecken und wir alle unseren Beitrag leisten müssen für saubere Energie. In diesem Zusammenhang möchte ich natürlich auch, dass wir in Thüringen mit der Energiewende regionale Wertschöpfung generieren können. Dezentral, regional und erneuerbar – das ist unser Dreiklang. Ich habe erst diese Woche in Südthüringen eine Firma besucht, die Strom in Wasserstoff umwandelt. Wir stecken also mitten drin in der Frage, wie wir die Energiewende weiterentwickeln. Weg von einer allein auf die Stromwende fokussierten Debatte, hin zu einem Gesamtkonzept inklusive Verkehrs- und Wärmewende. Und zu dieser Verantwortung gehört aus meiner Sicht, dass beim nötigen Netzausbau darauf geachtet wird, dass Landschaften wie das Heldburger Unterland verschont werden. Das konnten wir jetzt erreichen.

Aber wird der Wegfall der P44 nicht im schlimmsten Fall durch eine breitere Trasse für den Südost-Link erkauft?
Nein, das ist ja der große Vorteil unserers Vorschlags. Der Südost-Link wird nicht breiter, sondern er wird verstärkt. Statt zwei Gigawatt soll die Kapazität auf vier Gigawatt erhöht werden. Das erreichen wir, indem Leerrohre mit verlegt werden, durch die dann zusätzliche Leitungen gelegt werden. Aber es bleibt beim gleichen Korridor, der bereits Gegenstand des Planungsverfahrens ist.

Aber diese Verstärkung gelingt nur, wenn 525-Kilovolt-Leitungen verlegt werden, die offiziell noch nicht als Stand der Technik gelten. Aus leidvoller Erfahrung wissen die Thüringer aber, dass Netzbetreiber gerne auf den Stand der Technik pochen.
Das ist richtig, doch trotzdem ist es gut, die Leerrohre mit zu verlegen. Wir erleben doch täglich, dass es die Menschen frustriert, wenn in ihrem Ort erst die Straße aufgerissen wird, weil Glasfaserleitungen verlegt werden und ein halbes Jahr später kommt der nächste Versorger, reißt die Straße wieder auf, um andere Leitungen zu verlegen. Da ist es doch weitsichtig, beim Südost-Link von Anfang an die Option zu schaffen, die Kapazität zu erhöhen.

Ist die Einigung, die die drei Länder und der Bund nun getroffen haben, möglicherweise auch ein Vorbild für die Diskussion über den Südlink?
Wir, also die betroffenen Bundesländer, der Bund und der Netzbetreiber, sind beim Südlink nach wie vor völlig unterschiedlicher Auffassung. Daher kann ich nur bekräftigen, dass wir an dieser Stelle den Gesprächsfaden noch nicht aufgenommen haben. Umso wichtiger ist es mir, dass das Thema P44 vom Tisch ist.

– Das Interview wurde am 2. Juli 2019 in der Südthüringer Zeitung veröffentlicht –

Gastbeitrag: Das Wasserstoff-Potential Thüringens nutzen

Vor wenigen Wochen rollte ein wasserblauer Zug durch Thüringens beschauliches Schwarzatal. Unsere Idee: Wir zeigen umweltverträgliche Mobilität von morgen auf der Schiene und zwar mit dem Treibstoff Wasserstoff. Die Resonanz: Überwältigend. Viele Menschen standen während der Probefahrt mit dem Coradia iLint an den Bahnhöfen und zeigten sich begeistert. Diese Fahrt war also nicht nur irgendeine Testfahrt – sie zeigte einen Weg in die umweltfreundliche und klimaneutrale Lebenswelt von morgen.

Wasserstoff, mit Hilfe von Strom aus Wasser hergestellt, lässt sich als Energiespeicher und Energieträger direkt nutzen. Dabei entsteht als einziges „Abgas“ Wasserdampf. Es ist das kleinste und einfachste Molekül und wird immer wichtiger für die Speicherung und Nutzung von Erneuerbarer Energie. Wasserstoff kommt dort zum Einsatz, wo sich der Strom aus Windkraft und Photovoltaik nicht direkt nutzen lässt. Zum Beispiel im Verkehr – denn nicht überall eignen sich Batterien wie bei den E-Autos. Bei schweren Fahrzeugen mit längerer Reichweite, also bei Bussen, Bahnen, LKW hat Wasserstoff noch sehr viel Potential. So kann der Weg zum sauberen Antrieb in Thüringen und in Zukunft aussehen: Der Strom kommt beispielsweise aus einem bestehenden Windpark und wird durch Elektrolyse in Wasserstoff umgewandelt. Eine Tankstelle beliefert den Fuhrpark. Damit können wir die Stromwende endlich via Sektorkopplung zur echten Energiewende machen. Den das meint Sektorkopplung: Aus grünem Strom wird saubere Wärme durch Brennstoffzellenheizungen, die gleichzeitig Wärme und Strom erzeugen oder eben Treibstoff für einen Zug.

Erst Mitte Mai haben wir in Thüringen wir mit ZO.RRO ein großes Forschungsprojekt gestartet – ein Netzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, das sich zum Ziel genommen hat: Bis Mitte des Jahrhunderts den CO2-Ausstoß in Thüringen auf Null zu bringen. Genauso wie es das Klimagesetz vorgibt. Aber: Gelingen soll und kann das nur mit innovativen Ansätzen, die neue Wirtschaftskraft in Thüringen auslösen. Ich bin mir sicher, dass das Projekt ZO.RRO bundesweite Strahlkraft entfalten wird.

Und: Um konsequent unser Klima zu schützen und gleichzeitig die neuen wirtschaftlichen Chancen zu nutzen, brauchen wir jetzt schon greifbare Projekte für eine klimaneutrale, sichere und bezahlbare Energie- und Wärmeversorgung. Wenn wir die unendlich verfügbare Erneuerbare Energie aus Sonne, Wind und Wasser intelligent und innovativ nutzen wollen – und Wasserstoff wird dabei eine immer größere Rolle spielen – muss der Bund uns in den Ländern unterstützen. Bislang gibt es weder eine Bundes-Wasserstoffstrategie, noch Anreize für Unternehmen, die Wirtschaftlichkeitslücke beim Erzeugen von grünem Wasserstoff zu schließen. Das bisherige System aus Umlagen, Abgaben und Steuern verhindert eine wirtschaftliche Erzeugung von Wind-Wasserstoff und Investitionen in die Technologie. Das bremst.

Thüringen legt daher vor: Klimagesetz – Wasserstoffstrategie – Modellregion. Mit dem Klimagesetz haben wir uns in Thüringen dem Klimaschutz und dem Senken der CO2 Emissionen bis 2050 um 95 Prozent verpflichtet. Um das zu schaffen, kommen wir um Innovationen im Bereich Mobilität gar nicht drum herum. Sicher ist: Saubere Technologien werden sich hierzulande und weltweit durchsetzen. Zum Beispiel bei der kommenden Olympiade in Tokyo, mit Wasserstoff als Hauptenergieträger der Spiele.

Mit dem Ausbau von öffentlichen Ladesäulen für batterieelektrisch betriebene Autos kommen wir gut voran. Und die kommunalen Nahverkehrsbetriebe steigen langsam auf die von uns geförderten EBusse um. Der nächste Schritt: Weniger Debatten um die Glaubensfrage: Batterie oder Brennstoffzelle? Zum Erreichen der ambitionierten klima- und energiepolitischen Ziele kann die Antwort nur sein: Batterie und Brennstoffzelle! Deshalb erarbeiten wir eine Wasserstoffstrategie für Thüringen.

Wir denken Umwelt und Wirtschaft zusammen. Die Wasserstoffära in der Energiewende fängt dann an, wenn die Technologie wirtschaftlich ist. Damit wir zeigen, was möglich ist, werden wir in einer Modellregion mit guten Vorrausetzungen mehr erproben. Schon jetzt gibt es beim Wasserstoff inspirierende Beispiele aus Thüringen  – wie beispielsweise die Entwicklung von Elektrolyseuren und Wasserstofftankstellen durch hiesige Unternehmen. Das Know-How ist vorhanden, nur bisher wird von hier für Abnehmer außerhalb Thüringens produziert. Das soll sich ändern. Wir kümmern uns darum, dass Wasserstoff auch in Thüringen Zukunft hat. 

–Der Gastbeitrag wurde am 4. Juni 2019 in der Thüringer Allgemeinen veröffentlicht–